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Landleben und Nachhaltigkeit. Wo ein Wille, da ein Weg?

Wir haben gefragt: Wie leicht oder schwer ist ein nachhaltiger Lebensstil, wenn man auf dem Land lebt? 107 Leser*innen, die entweder in ländlichen Regionen wohnen oder schon dort gewohnt haben, haben uns von ihren Erfahrungen berichtet. In diesem Beitrag soll es darum gehen, euch eine Stimme zu geben und von den Problemen, aber auch den kleinen und großen Freuden des Landlebens zu sprechen.

Wie ist es, auf dem Land zu leben? Ist hier, wo man der Natur so nahe ist und im Vergleich zur lauten und dreckigen Großstadt vieles entschleunigt ist, ein nachhaltigeres Leben möglich? Oder ist es für Menschen auf dem Land sogar schwieriger, ihre CO2-Bilanz gering zu halten?

Für viele unserer Leser*innen, die auf dem Land wohnen, war die Antwort darauf nicht eindeutig. Denn wo im einen Bereich eingespart wird, verbraucht man im anderen mehr.

Aufs Auto verzichten? Für viele unmöglich

Der ÖPNV auf dem Land lässt zu wünschen übrig. Das berichteten 61,7 Prozent der 107 Menschen, die sich mit unseren Erfahrungen bei uns gemeldet haben. Kritisiert wurde zum Beispiel der mangelnde Streckenausbau des ÖPNV, weshalb Busse oftmals nur Schulen, aber keine Supermärkte oder gar Arbeitsplätze anfahren.

Zudem sagten viele, eine Fahrt sei überteuert und biete vor allem am Wochenende und abends kaum Optionen, um von A nach B zu kommen.

Das wenig überraschende Resultat: Die weiten Wege zum Arbeitsplatz, dem nächsten Supermarkt oder zu Freunden und Verwandten erfordern in den meisten Fällen zwingend ein Auto. Davon haben 52 Menschen berichtet. Oftmals habe dabei sogar jede Person im Haushalt, die über 18 Jahre alt sei, ein eigenes Auto.

Entwicklungen wie das Aussterben kleiner Einkaufsläden im Ort lassen die zu fahrenden Strecken tendenziell immer weiter werden. Für die Umwelt auf ein Auto zu verzichten, ist für viele Menschen auf dem Land einfach keine realistische Option.

Wie sieht das mit der Ernährung aus?

Das Angebot und die Nachfrage nach Unverpacktläden, veganen Optionen im Supermarkt und Biomärkten ist in ländlichen Regionen deutlich geringer – das haben 29,9 Prozent der Leser*innen erzählt, die sich bei uns gemeldet haben. Das erschwere eine vegane Ernährung und ein plastikfreies Einkaufen.

Doch die mangelnden Möglichkeiten können auch das Einfallsreichtum wecken:

Wir verwerten unsere Lebensmittel vorausschauender, weil wir vorbereiten, vorkochen, oder Lebensmittel haltbar machen und vor allem die Gelegenheiten haben, die Lebensmittel auch richtig lagern zu können.”

@tanzender_waschbaer

Foodsharing oder mobile Anwendungen wie Too-Good-To-Go, welche die Lebensmittelverschwendung reduzieren wollen, sind in vielen kleineren Orten noch nicht angekommen. Dennoch haben viele Leser*innen das Gefühl, auf dem Land weniger Lebensmittel zu verschwenden und – oft aufgrund des mangelnden Angebots – auch seltener Essen zu bestellen.

Ein weiterer, großer Pluspunkt für viele Menschen auf dem Land: der eigene Garten, in dem nach Herzenslust eigenes Obst und Gemüse angepflanzt wird. 27,1 Prozent schätzen und praktizieren diese Art der Selbstversorgung – garantiert bio und verpackungsfrei.

Das Angebot von regionalen Produkten im Ort variiert hingegen stark. 33,6 Prozent haben gute Möglichkeiten, saisonal und regional einzukaufen und nutzen hier zum Beispiel Direktvermarkter, Hofläden oder Wochenmärkte. In anderen Fällen ist es so, dass Gemüse zwar vor Ort geerntet, jedoch nicht dort verkauft wird.

Ist man einem nachhaltigeren Leben gegenüber weniger aufgeschlossen?

Auch das scheint von Ort zu Ort stark zu variieren. Viele Leser*innen, die sowohl in der Stadt als auch auf dem Land gewohnt haben, sehen das Thema auf dem Land noch nicht so präsent. 8,4 Prozent berichteten von einer mangelhaften Bereitschaft im Ort, sich mit Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen.

Vegatarier*innen und Veganer*innen haben erzählt, wie exotisch sie sich mit ihrer Ernährung manchmal vorkommen; sei es auf Familienfeiern ohne fleischfreie Alternative am Buffet, oder wenn einem als Veganer*in auf dem Dorffest wie immer nur die guten alten Pommes als Option bleiben.

Projekte und Initiativen für Umweltthemen gibt es in ländlichen Regionen weniger als in einer Großstadt. Eine Leserin sah gerade darin jedoch auch eine Chance:

“Hier muss man eben selbst noch aktiv werden und kann damit noch sehr viel bewegen.”

30 Prozent fanden außerdem, dass sich die gute Luftqualität, die Ruhe und die Nähe zur Natur sich positiv auf das Verhältnis und den Bezug zu Nachhaltigkeit auswirken.

Fazit?

Was ihr uns mit euren vielen Antworten gezeigt habt, ist vor allem eins: Es gibt auf dem Land für vieles erschwerte Startbedingungen, und auch vieles, was man nicht ändern kann. Dennoch haben wir fast für jede vermeintliche Begrenzung einen konstruktiven Ansatz von euch gelesen.

Ob das gemeinschaftliche Gärtnern, das nachbarschaftliche Tauschen von Lebensmitteln, das Starten von Fahrgemeinschaften oder das Gründen von Projekten und Initiativen vor Ort: Ihr habt uns gezeigt, dass man äußere Rahmenbedingungen nicht als gegeben hinnehmen muss.

Vielen Dank dafür, ihr seid uns eine riesige Inspiration!

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