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Mobilität der Zukunft: Das moralische Dilemma hinter Selbstfahrenden Autos

Es ist 7:30 Uhr, du sitzt am Frühstückstisch, in einer halben Stunde musst du bei der Arbeit sein. Entspannt nimmst du dein Handy in die Hand, suchst dir eins der verfügbaren Autos heraus, welches fünf Minuten später vor deiner Tür steht. Im Taxi sitzen zwei weitere Personen: Eine davon steigt auf dem Weg zu deiner Destination aus, die zweite bleibt sitzen, weil deine Strecke auf ihrem Weg liegt. Du bezahlst einen kleinen Betrag per App. Einen Fahrer gibt es nicht. Keine fünfzehn Minuten später bist du im Büro. 

E-Mobility, autonomes Fahren, Carsharing Apps: Die Mobilität der Zukunft hat viele Gesichter. Wissenschaftler*innen des Instituts für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) prognostizieren, dass bis 2040 25 Prozent aller Autos ohne Fahrer*in unterwegs sein könnten – in Form von Robo-Taxis, als Kleinbusse und Shuttles, die den öffentlichen Nahverkehr ergänzen oder individualisieren, oder auch beim Carsharing und dem Carpooling, bei dem sich mehrere Personen ein Fahrzeug teilen.

Auf den ersten Blick klingt das Bild, das in vielen Berichten über die Zukunft der Mobilität gezeichnet wird, ganz einfach: Die Autos sollten möglichst schnell raus aus den Innenstädten, weil sie dort die Luft verpesten. Eine Verkehrswende sollte an die Energiewende gekoppelt sein, was einen Wandel zur E-Mobilität mit Strom aus erneuerbaren Energien bedeuten würde. Letztlich sollte durch autonomes Fahren auch ein hoher Komfort für die moderne, mobile Person entstehen. 

Die Vorteile des vernetzten Fahrens, also eine Kommunikation der Fahrzeuge untereinander und mit der Infrastruktur, liegen auf der Hand: Wenn ein Auto über die Staulage, Unfälle, Baustellen oder das Wetter Bescheid weiß, kann es die Informationen in die Auswahl der Strecken einbeziehen, die Geschwindigkeit anpassen und unnötige Bremsvorgänge vermeiden. Die Kombination aus autonomen und vernetzten Fahren sowie intelligenten Verkehrssystemen könnte also den Verkehrsfluss verbessern und dadurch die Emissionen senken. Das Fraunhofer Institut schätzt die deutschen CO2-Einsparungen bis 2050 von etwa 7,8 Megatonnen pro Jahr durch autonomes Fahren.

Auch die Züge der Zukunft, sogenannte „Future Trains“, dürften in Richtung Autonomie gehen: Man geht zum Beispiel an einen Bahnhof. Dort gibt man per App seinen Reisewunsch ab. Dann bekommt man einen speziellen Wagon zugewiesen. Dieser fährt selbstständig auf einer Route, die in Echtzeit berechnet wird und so auf die Reiseziele der Gäste und das Verkehrsaufkommen reagiert, erklärt der an der Entwicklung des Future Trains beteiligte Dr. Peter Burggräf, Oberingenieur an der RWTH Aachen, in einem Interview.

Doch die obigen Prognosen sind an Bedingungen geknüpft. Denn bevor autonome PKWs, Busse und Züge wirklich auf die Straßen kommen, muss sich das deutsche Rechtssystem mit einigen Fragestellungen auseinandersetzen. Eine der prominentesten Fragen in Bezug auf selbstfahrende Fahrzeuge lautet: Was soll die Maschine in einem unausweichlichen Dilemma tun, zum Beispiel also, wenn sie Menschen töten würde, egal, wie sie agiert?

Bekannte Beispiele solcher Szenarien sind hierbei die „Wahl“ zwischen einer älteren Person und einem Kind, oder die Wahl zwischen einer einzelnen Person und einer Personengruppe. Da in Deutschland nicht ein Leben gegen das einer anderen Person aufgewogen werden darf – unabhängig von Alter, Gesundheit, Charakter oder auch Personenanzahl – sind diese Szenarien nicht nur menschlich, sondern auch rechtlich hochsensibel und müssen im Detail ausdiskutiert werden.

Die Situation kann hierbei immer weitergesponnen werden: Was, wenn die Personengruppe betrunken ist und die Menschen mitten auf der Straße laufen, wohingegen sich die einzelne Person an die Verkehrsregeln hält? Was, wenn sich in dieser betrunkenen Gruppe wiederum eine Ärztin befindet, die bereits zahlreichen Menschen das Leben gerettet hat und voraussichtlich noch vielen weiteren das Leben retten wird?

Eine Möglichkeit wäre, dass das Auto im Zweifelsfall per Zufallsalgorithmus auswählt, auf welche Person es zusteuert. Als möglich gilt zudem, dass die regelkonformen Verkehrsteilnehmer in einem solchen Dilemma bevorzugt werden könnten. Fraglich ist auch, ob und wie sich der Fahrende, aber auch andere Menschen strafbar machen, die Ursachen für einen späteren Unfall setzen. Das können zum Beispiel auch Hersteller, Konstrukteure und Programmierer des Fahrzeugs, sowie in den Datentransfer involvierte Technikdienstleister betreffen.

Wichtig ist in jedem Fall, dass hierbei Entscheidungen getroffen werden, über die alle am Verkehr Teilnehmenden im Detail informiert sind. Insofern könnte es beispielsweise sinnvoll sein, zu wissen, dass man weniger gefährdet ist, wenn man sich an die Verkehrsregeln hält.

Letztlich werden die oben beschriebenen Situationen zwar, hier sind sich die Experten einig, die absolute Ausnahme darstellen. Die Zahl der Gesamt-Unfälle durch autonomes Fahren wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach stark verringern. Dennoch sind diese Fragen – und die Antworten der Rechtsprechung – für uns als Gesellschaft von höchster Bedeutung.




QUELLEN:
Redaktionsnetzwerk Deutschland: Studie wagt Prognose: So sieht Mobilität im Jahr 2040 aus
Legal Tribute Online: Automatisiertes Fahren und Strafrecht. Wenn Technik tötet
Identitätsstiftung, Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung: Logbuch Mobilität.
Wer kontrolliert den Algorithmus?
Ingenieur: Zukunftsstudie. Weniger Kohlendioxid-Ausstoß durch autonomes Fahren

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