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Verkehrte Verkehrswende: Im Durschnitt steht ein Auto 23 Stunden am Tag still.

Ich will ganz ehrlich sein. Folgendes ist passiert: Ich wollte endlich mal wieder über ein schönes Thema schreiben, etwas, bei dem man nicht deprimiert wird, weil die Lage so hoffnungslos erscheint. Deshalb habe ich “Utopien der Mobilität” gegoogelt. Und bin daraufhin auf ein Projekt der Identitätsstiftung aus dem Jahr 2017 gestoßen, die sich dem Thema auf eine sehr kreative und unkonventionelle Art genähert hat. So sind zwar urbane Logistik, autonomes Fahren oder Mobilstationen die übergeordneten Themen des Projekts, die Idee dahinter ist aber, dass die Verkehrswende keine Frage der Technik sei, sondern viel mehr gesellschaftliche und soziale Innovation verlange. “Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem nicht eine fehlende technische Neuerung, sondern unser Umgang und Verständnis von Mobilität den wahren blinden Fleck auf der Landkarte markieren”, sagten die Teilnehmer*innen und Pioniere im Selbstversuch des Projekts “Utopien der Mobilität”.

Um das zu ändern, haben sie sich ein paar ungewöhnlichen Selbstversuchen unterzogen. Drei dieser Selbstversuche und ihre daraus entstandenen Denkanstöße zur Verkehrswende haben mich besonders begeistert. Diese habe ich hier für euch zusammengefasst. 

Denkanstöße für die Verkehrswende

„Die Verkehrswende ist keine Frage der Technik, sondern verlangt soziale und gesellschaftliche Innovation. Daher suchen wir die Zukunft der Mobilität nicht bloß in E-Mobility, autonomen Fahren oder Carsharing-Apps. Sondern dahinter.“

Ein Beispiel? Um zu verstehen, was es bedeutet, dass ein Auto in Deutschland durchschnittlich 22h und 48 Minuten pro Tag still steht und Platz einnimmt, hat sich Norbert Krause als Teilnehmer des Projekts “Utopien der Mobilität” für diese Zeitspanne in ein Auto gesetzt und am eigenen Körper gespürt, was diese Zeit unausgelasteter Nutzung bedeuten kann: 

Vielleicht ist es an der Zeit sich dieser immensen Zeitspanne zu stellen, nicht den Wagen zu parken um sich im Anschluss den alltäglichen Dinge zu widmen, sondern sitzen zu bleiben und so zu erfahren oder vielmehr zu ersitzen, wie wenig wir unser oft teuerstes Gut nutzen.” 

Norbert Krause

Was lernt der Mobilitäts-Pionier aus der erzwungenen Zeit der Entschleunigung und absoluten Stillstands? Zunächst beginnt er, sie nach einer anfänglichen Phase der Langeweile zu genießen. Er fragt sich, warum “Zeit” in jedem Mobilitätsalgorithmus, beispielsweise von Google Maps, immer die wichtigste Rolle spielt. 

Warum definieren wir oft die Dauer einer Reise als verlorene Zeit? Warum haben wir das Gefühl möglichst schnell von A nach B gelangen zu müssen?” Und: “Wie wohl der Mobilitätsalgorithmus aussähe, käme es ihm nicht lediglich darauf an, eine Distanz zu überwinden sondern uns ein gutes Leben zu bereiten?”

Denn mit diesen nach Zeit optimierten Vorschlägen sei es doch folgendermaßen: Vielleicht verliere man mit dem Fahrrad 58 Minuten gegenüber dem Auto, um ins Büro zu kommen – aber gewinne man nicht am Ende vielleicht ein Extra an Lebenszeit und spare sich gleichzeitig die einstündige Laufrunde? Gewinne man mit dem Zug nicht nur vier Minuten, sondern könne sogar früher Feierabend machen, da man nicht noch ein Auto von seinem Gehalt finanzieren müsse? 

In einem weiteren Selbstversuch setzt sich die Mobilitäts-Pionierin Julia Müller auf einen selbstgebauten Hochsitz, um 50 Minuten lang konzentriert das Geschehen auf einer Kreuzung in Hannover aus der Vogelperspektive zu beobachten. Die Idee dahinter: Was ist absurd am alltäglichen Straßenverkehr? Welche Situationen sind zu beobachten? Welche Verkehrsmittel sind dort unterwegs, und was spielt sich eigentlich über der Kreuzung ab? 

Drei ihrer nüchternen Beobachtungen, die sie völlig unkommentiert in einer Art Protokoll veröffentlicht:


Die Autos an der Linksabbiegerspur warten am längsten und finden meine Tätigkeit besonders interessant. (Die alte Frage drängt sich auf: Greift der Beobachter ins Geschehen ein?)”  


Autofahrer haben es auch nicht immer leicht. Eine Dame hat einen sehr langen Teppich im Auto. Er nimmt die ganze Länge des Autos ein und macht ihr den Schulterblick unmöglich. Sie kann nur vermuten, ob hinter ihr frei ist.


Neben dem Verkehr auf der Straße bewegt sich auch einiges im Luftraum. Zwei Vögel leben direkt an der Kreuzung und haben alle Flügel zu tun. Eine Taube fliegt im Minutentakt regelmäßig über die Straße und hat kleines Geäst und Stöcker im Schnabel. Nest bauen, eine besondere Herausforderung an so einer befahrenen Kreuzung.” 

Ein dritter Versuch lief unter dem Namen “Mitnehmerbank”. Hintergrund des Experiments war es, die mangelnden Möglichkeiten darzustellen, in ländlichen Gebieten mit dem öffentlichen Nahverkehr in die urbanen Zentren zu kommen und dort Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu haben. 

Um die Situation nachzuvollziehen, setzten sich die beiden Versuchspersonen mit einer selbstgebauten Bank, auf welcher “Supermarkt” stand, auf eine Landstraße in Niedersachen und: warteten. Sie warteten mehrere Stunden, und dabei war es auch noch kalt.

Die Allee liegt vor uns, das Ziel in weiter Ferne: die Stadt, mit ihren Naheinkaufsmöglichkeiten, der medizinischen Versorgung und den ganzen Freizeitangeboten, Kulturveranstaltungen und Fingernagelstudios, von denen man sich immer fragt, wer da eigentlich reingeht.”

Damit hatte letztendlich auch die Erkenntnis der beiden Mobilitäts-Pioniere zu tun: Dass auch nach langem Warten kein einziger Fahrer sie mitnehmen wollte, frustrierte sie. Sie fragten sich, woran das lag: An ihnen? Den Fahrenden? Am Tag, am Wetter, an der Zeit? Die mangelnde Möglichkeit, in die nächste Stadt zu kommen, verstärkte den Wunsch danach exponentiell. 

Wenn man ein paar Stunden am Rand einer Landstraße verbracht hat, weiß man plötzlich, dass French Manicure mehr ist als eine chemikaliengetränkte Geschmacksverirrung […]. Wer die ersten 10 Autos an sich vorbeifahren ließ, ohne mitgenommen zu werden, für den (oder die) steht fest: Ich will eine French Manicure, und zwar jetzt sofort.” 

Aus den verschiedenen Selbstversuchen sind dem Projektteam beispielsweise Ideen für eine neue Generation Führerschein gekommen:

Wieso macht man einen Führerschein nur fürs Auto – ohne dabei die Nutzung und Verknüpfung aller Verkehrsmittel (Car-Sharing, E-Bike, ÖPNV, etc.) zu lernen?

In der Zukunft sollte nicht allein das Steuern eines Fahrzeugs, sondern in der Fahrschule ebenso die Auswirkungen auf Lebensraum und Umwelt, die unterschiedlichen Perspektiven vernetzter Verkehrsmittel und eine Ethik der Mobilität vermittelt werden.

Fazit?

Was können wir selbst nun aus diesen drei unaufgeregten Versuchen mitnehmen? Vielleicht muss das jeder für sich entscheiden. Fest steht, dass Ansätze des entschleunigten “Erlebens” dem aktuellen Thema Mobilität meiner Meinung nach nicht schaden können. Was meint ihr? 




QUELLE:
Identitätsstiftung: Utopien der Mobilität. Pionierfahrten in die Zukunft der Mobilität

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