Startseite » Texte » Was wäre wenn es keine Autos mehr gäbe?

Was wäre wenn es keine Autos mehr gäbe?

Eine Welt ohne Autos? Geht das überhaupt? Ich habe mich die letzten zwei Wochen mit dem Buch “No Car” von Salomon Scharffenberg auseinandergesetzt. Dort fordert er die Abschaffung des motorisierten Individualverkehrs. Doch wie stellt er sich das vor? Eine Zusammenfassung.

Das Buch hat mir der @oekomverlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank, dass ihr mir so diese spannende Recherche ermöglicht habt.


Unsere Welt ist seit jeher von sogenannten Disruptionen durchzogen, also technischer Fortschritt und Entwicklungen, welche ältere Technologien verdrängen. Das Internet und Wikipedia haben schwere Brockhaus-Wälzer redundant gemacht und Online-Journalismus die gedruckte Tageszeitung abgelöst. Auch die Entwicklung des Automobils setzt gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine solche Disruption in Gang und schickt viele Menschen, die im Pferdehandel oder als Kutscher*innen/Hufschmied*innen arbeiten, in die Erwerbslosigkeit. 

Seitdem hat das Automobil einen unglaublichen Werdegang hingelegt, sich zur deutschen Vorzeigeindustrie gemausert und eine starke Lobby aufgebaut. Beinahe unantastbar ist das Auto dabei geworden, die Diskussionen um das Gefährt werden mitunter sehr emotional geführt.

Nicht, wenn es nach Salomon Scharffenberg geht. In seiner Streitschrift “No Car” fordert er nicht weniger, als das Auto gleich ganz abzuschaffen. Seine Argumente, die ich euch im folgenden kurz zusammenfassen möchte, beziehen sich vor allem auf ökologische, aber auch gesellschaftliche Aspekte.

Sind Autos nicht mehr zeitgemäß?

Das Auto, so wie es heute größtenteils produziert wird, sei eine extreme Umweltbelastung. Jährlich 60 Milliarden Tonnen Rohstoffe und knapp ⅕ der CO2-Emissionen fielen auf den Verkehrssektor. Es fahre außerdem mit einer Technologie, welche mit auf der Erde begrenzten Rohstoffen funktioniert, nämlich Öl. Sollten die Vorkommen zur Neige gehen, so sei der Verbrennungsmotor sowieso am Ende.

Wenn alle auf der Welt so viel fahren würden wie die Menschen in Deutschland, würden insgesamt 5.518.000.000.000 Liter Sprit verbraucht werden. Dafür müssten insgesamt 4750 Millionen Tonnen Rohöl verarbeitet werden. Zum Vergleich: Im Jahr 2016 sind weltweit “nur” 4380 Millionen Tonnen Rohöl gefördert worden. Ist unser Lebensstil und unser Fahrverhalten überhaupt mit den begrenzten Rohstoffen vereinbar?

Weiterhin, so schreibt Scharffenberg, sei das Auto ineffizient. Fahre man alleine auf einem Tandem sei das komisch, alleine einen Siebensitzer steuern wäre dagegen völlig legitim. Das Auto nehme viel zu viel Platz ein und verdränge andere Verkehrsteilnehmer. Es verstopfe die Städte, produziere gesundheitsgefährdende Abgase und sei unsicher.

In einem Jahr gibt es ca. 1.2 Millionen Verkehrstote. Würde man das in Relation zum Fliegen setzen, gäbe es jedes Jahr 6000 Flugzeugabstürze mit 200 Toten. Das entspräche 16 Abstürzen pro Tag. Würde man dann noch fliegen? Wieso setzt man sich also noch in das unsichere und umweltschädliche Gefährt? Gibt es keine Alternativen?

Auto-Lobby spielt mit Emotionalität

Laut Scharffenberg gibt es diese Alternativen sehr wohl – die Lobby, die hinter den Automobilen stecke, sei aber einfach zu mächtig. Das zeigt sich alleine an den regelmäßigen Diskussionen zu den Themen Tempolimit und Fahrverbote. Diese finden auf einer sehr emotionalen Ebene statt. So sagte der Verkehrs- (und selbsternannter Fahrradminister) beispielsweise vergangenes Jahr, ein Tempolimit sei “gegen jeden Menschenverstand”.

Könnte vielleicht genau dieser Menschenverstand bei der Diskussion helfen? In seiner Streitschrift geht es Scharffenberg laut eigener Aussage lediglich um eine Diskussion auf sachlicher Ebene, um Fakten und Weiterentwicklung statt um „Autohass“.

Er sieht die Abschaffung des Autos als zwingendes Mittel, Klimaziele einzuhalten. Diese können natürlich nicht von heute auf morgen durchgesetzt werden. Scharffenberg stellt sich die Abschaffung in mehreren Stufen vor, sind doch derzeit 1.750.000 Jobs zumindest indirekt der deutschen Autoindustrie zuzuschreiben.

Wie kann der Wandel aussehen?

Der Autor sieht die Reduzierung als ersten Schritt einer Veränderung. “Die überflüssigen Fahrten zugunsten der notwendigen vermeiden”, heiße es bei Experten. Aber wer bestimmt das Maß? 

Scharffenberg sieht vor allem die Politik in der Pflicht. Von einem Unternehmen, wie zum Beispiel VW, könne nicht verlangt werden, eine selbstschädigende Regulierung anzuwenden. Hier stehe nur der Profit an erster Stelle, wie der Abgasskandal beweise.

Wie sehen Scharffenbergs Lösungsansätze aus? Mineralölsteuer, leistungsschwächere Autos, Tempolimits, Co2-Konten für Bürger*innen, Kilometer-Konten, härtere Strafen für Verstöße und Fahrverbote. Die Ansätze, das Auto “unattraktiv” zu machen, sehen vielfältig aus, erfordern aber ein gesteigertes Problembewusstsein der Gesellschaft. Außerdem steht auch die Frage der sozialen Gerechtigkeit im Raum. Wird Autofahren ein Luxusgut? Oder will man aufstrebenden Schwellenländern das Fahren verbieten, nachdem wir ein Jahrhundert rücksichtslos durch die Gegend gerast sind?

Brauchen wir eine Fahrrad-Eisenbahn-Gesellschaft?

Der Autor fordert in “No Car” nicht, dass die Mobilität neu erfunden wird. Seine Wunschvorstellung ist bestehende Technologien zu nutzen und weiterzuentwickeln. Er nennt seine Utopie eine “Fahrrad-Eisenbahn-Gesellschaft”, die auf einen extremen Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel setzt.

Laut dem Netzwerk Europäischer Eisenbahnen (NEE) ist das Straßennetz in Deutschland seit 1994 um 250.000 Kilometer gewachsen. Das Schienennetz lediglich um 1.709 Kilometer. Die Stilllegungen sind nicht einmal mit eingerechnet. Die Lobbygruppen von Bahn und Auto stehen sich hier als Kontrahenten gegenüber. Mehr Bahnfahren = Weniger Autofahren.

Persönliches Fazit

Für mich war das Buch eine sehr interessante Erfahrung, ich verliere mich gerne in utopischen Gedankenspielen. Und eine Welt mit mehr Natur, weniger Lärm und weniger tödlichen Unfällen hört sich doch ganz verlockend an. Ich selber habe kein Auto (mehr), weil ich es in der Stadt nicht benötige. Ich bin allerdings auf dem Dorf aufgewachsen, dort hätte ich ohne ein Auto sehr wenig Anschluss gehabt. Hier liegen die Probleme.

Um in Zukunft das Auto überflüssig oder uninteressant zu machen, müssen viel mehr Anreize geschaffen werden, öffentlich zu fahren. Die bedrohlichen Folgen des Klimawandels sollten aber zumindest eine Diskussion zulassen, ohne dass der Verkehrsminister einem den Menschenverstand abspricht. Dabei muss gerade die Politik handeln, um einen angemessenen Klimaschutz zu garantieren. 

Die Abschaffung so einer mächtigen und riesigen Branche setzt eine komplette Transformation der Gesellschaft voraus, welche in der Lage sein muss, technologische oder ökologische Sackgassen zu erkennen. Diese Transformation ist nur mit Alternativen möglich. Mit Alternativen in der Mobilität und des Wirtschaftssystems, um die Arbeitenden der Branche “aufzufangen”. Wenn man sieht, wie erbittert die Diskussion um Tempolimits und Fahrverbote geführt werden, merkt man sofort, dass sich ein neues Bewusstsein erst entwickeln muss. Es braucht mehr Druck, mehr Protest und mehr faktenbasierte Diskussion, um den Druck auf Politik und Lobbyverbände zu erhöhen. Ansonsten muss das Rad gar nicht neu erfunden werden. Bei mir steht es im Hinterhof.




QUELLE:
Salomon Scharffenberg: No Car

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.