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Dass für Laborfleisch keine Tiere leiden müssen, ist ein Mythos.

Fleisch aus dem Labor – für die einen die Lösung für den Welthunger, für die anderen ein Sinnbild für die Entfremdung zwischen Mensch und Nahrung. Doch immerhin müssen für den wachsenden Zellhaufen in der Petrischale keine Tiere leiden. Oder? Spoiler: Das ist leider ein Gerücht.

Bevor man versucht, Laborfleisch hinsichtlich sozialer, ökologischer und ethischer Kriterien zu bewerten, muss man sich darüber bewusst sein, dass vieles daran noch Spekulation ist. Denn noch wird das künstliche Fleisch nicht in großem Maße hergestellt und existiert vor allem in der Petrischale. Durch die noch fehlende Skalierbarkeit der Herstellungsprozesse sind auch die Annahmen zu Energieverbrauch und Marktreife theoretisch. 

Doch die Sache wird zunehmend konkreter: So wurden im November 2020 die Produkte des  US-Start-ups „Eat Just“ in Singapur immerhin bereits zum Verzehr zugelassen. Zahlreiche weitere Unternehmen arbeiten fieberhaft daran, in-vitro-Fleisch auf den Markt zu bringen. Zudem gibt es bereits Projekte, die sich mit der künstlichen Herstellung von Fischprodukten beschäftigen.

Zu den Begrifflichkeiten

Es gibt verschiedene Begriffe für im Labor hergestelltes Fleisch. Der neutralste dürfte dabei „In-Vitro-Fleisch“ sein. Viele Hersteller kommunizieren es dagegen lieber als „clean meat“, „kultiviertes Fleisch“, „safe meat“, seltener sogar als „victimless meat“. Diese Bezeichnungen sind natürlich starke Frames, die suggerieren, dass mit diesem Nahrungsmittel alles in bester Ordnung ist. Generell ist Neutralität in der Berichterstattung zum Laborfleisch selten zu finden, da vor allem die Hersteller an der Datenquelle sitzen und Meldungen herausgeben.

Was kostet die Herstellung?

Die anfänglichen Kosten von etwa 250.000 Euro, die anfänglich für einen einzigen Rindfleischburger aufgewendet worden sind, sind zwar mittlerweile drastisch gesunken (was ja schon mal gut ist), allerdings konnte die Herstellung noch immer nicht so optimiert werden, dass sich das künstliche Fleisch dem Marktpreis von herkömmlichen Fleischprodukten annähert.

Wie funktioniert das überhaupt?

Ob Fisch oder Fleisch: Das Verfahren ist im Großen und Ganzen dasselbe. Mittels Biopsie werden Tieren Stammzellen aus dem Muskelgewebe entnommen, die sich dann in Zellkultur immer wieder teilen und so vermehren. Diese Zellkulturen zu versorgen und zum Wachsen zu bringen, ist dabei gar nicht so leicht: Dafür benötigt es ein aufwendiges und komplexes Gemisch aus Nährstoffen, Wachstumsfaktoren und Hormonen, kuschelige Temperaturen und viel Aufmerksamkeit.

„Victimless meat“ sieht anders aus

Hiermit gibt es aus ethischer Perspektive zwei große Probleme. Zum einen muss man sich fragen, wie die Tiere gehalten werden, die dem Laborfleisch als Stammzellenlieferanten dienen, und mit wie viel Stress diese Gewebeproben-Entnahme aus dem Muskel verbunden ist. Zwar werden für die Stammzellen-Entnahme weitaus weniger Tiere benötigt und es muss immerhin kein Tier dafür sterben. Angenehm ist die Entnahme jedoch sicher auch nicht.

Zweitens ist vor allem die angesprochene Nährlösung für die Stammzellen hochproblematisch. Denn eine häufig verwendete Nährlösung (übrigens nicht nur bei in-vitro Fleisch, sondern auch in anderen Bereichen der Stammzellenforschung) ist sogenanntes „fötales Kälberserum“. Um dieses zu gewinnen, muss eine trächtige Kuh geschlachtet und ihr noch lebender Fötus herausgeschnitten werden. Anschließend wird dessen Blut aus dem noch schlagenden Herzen abgenommen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Fötus dabei Schmerzen spürt.

Pro Kalb wird laut Quarks ungefähr ein halber Liter Blut gewonnen. Gehen wir von 800.000 Litern Serum aus, die pro Jahr benötigt werden (diese Zahl bezieht sich auf einen Bericht der Organisation „Ärzte gegen Tierversuche“ aus dem Jahr 2017), müssen dafür ein bis zwei Millionen Föten sterben. Mit dem Anstieg der in-vitro-Fleisch Produkte würde diese Zahl höchstwahrscheinlich ansteigen.

Abgesehen davon, dass diese Praxis mit den Begriffen „clean meat“ oder „victimless meat“ auf schmerzliche Weise bricht, könnten daraus auch potenziell gesundheitliche Risiken entstehen. Alternativen zum Kälberserum sollen in bestimmten Pilzextrakten und Nährmedien auf Algenbasis liegen.

Auch „Eat Just“, das US-amerikanische Startup, dessen Produkte jetzt in Singapur zugelassen wurden, verwendet laut Guardian Kälberserum als Nährlösung für die Stammzellen. In der nächsten Produktionslinie solle das verändert werden, sagte CEO Josh Tetrick, dem Guardian „Meine Hoffnung ist, dass das in den nächsten Jahren zu einer Welt führt, in der für die Mehrheit des Fleisches kein einziges Tier mehr getötet und kein einziger Baum mehr zerstört werden muss.“

Die bessere Variante für die Umwelt?

Doch mit dem zumindest momentan noch verwendeten Kälberserum müssen nicht nur Tiere qualvoll sterben. Es ist auch fraglich, ob Laborfleisch als umweltfreundlichere Alternative gelten kann. Die Ergebnisse bisheriger Studien sind aus den zuvor genannten Gründen zwar noch hypothetisch. 

Doch eine Überblicksstudie aus 2019 kam auf Basis verschiedener Modellrechnungen zu dem Ergebnis, dass die Produktion von in-vitro-Fleisch am Ende ähnliche Mengen an Treibhausgasen verursachen könnte wie von Schweine- oder Geflügelfleisch. Wahrscheinlich wären der Wasser- und der Energieverbrauch sogar noch höher. „Wir müssten riesige Inkubatoren bauen, in denen massenhaft Fleisch reifen könnte“, sagt Silvia Woll vom Karlsruher Institut für Technologie gegenüber Quarks. Nur gegenüber Rind hätte in-vitro-Fleisch voraussichtlich Einsparpotenziale und geringere Umweltbelastung beim Landverbrauch und beim Ausstoß von Treibhausgasen. 

Eure Meinung?

Ich will mit diesem Beitrag keinem Hersteller unterstellen, keine guten Absichten mit Laborfleisch zu haben. Aber diese Recherche hat mich ehrlich gesagt wirklich schockiert, weil ich Laborfleisch gegenüber ohne Hintergrundwissen eigentlich grundsätzlich zögerlich positiv gestimmt war. Fragen, die mir dazu in den Sinn kommen: Sollten wir zukünftig in riesigen Inkubatoren energieaufwendig Fleisch in Petrischalen züchten, nur weil wir es können? Lösen wir damit ein Problem oder verlagern wir damit ein Problem? Für welche Zielgruppe ist dieses Produkt wirklich bestimmt? Muss Fleisch um jeden Preis Teil der menschlichen Zukunft sein? Ich freue mich auf eure Kommentare und Meinungen. 

Was die Deutschen von Laborfleisch halten, kannst du übrigens hier nachlesen:

QUELLEN:
Technik Radar 2020: Was die Deutschen über Technik denken, ab S. 45
Gesundheitliche Risiken von Kälberserum: vgl. Deutscher Bundestag 2018: 8f., auch Böhm et al. 2017: 9. Aus: Technik Radar 2020: Was die Deutschen über Technik denken, ab S. 45
Darstellungen in Mattick et al. 2015: 11945ff.; Tuomisto et al. 2014: 1364. Aus: Aus: Technik Radar 2020: Was die Deutschen über Technik.
Quarks: In-vitro-Fleisch. Wann wir endlich … Fleisch essen, für das kein Tier mehr leiden muss
Spiegel: Chicken-Nuggets aus dem Bioreaktor. Erstmals im Labor gezüchtetes Fleisch zum Verzehr zugelassen
f3: In-vitro-Fleisch: Wunder mit Widersprüchen
transparenz Gentechnik: Echtes Fleisch aus dem Labor – Durchbruch dank Synthetischer Biotechnologie
SWR: ERNÄHRUNG. Ohne Schlachten: Laborfleisch erstmals zugelassen
brisant: Essen aus dem Labor
MDR: IN-VITRO-FLEISCH – DAS FLEISCH DER ZUKUNFT?

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