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Dein Festessens-Guide

Spätestens wenn man am heiligen Abend anfängt, seinen Seitanbraten vor sich auszubreiten, erntet man misstrauische Blicke. Oma hat sich doch mit dem Kasseler solche Mühe gegeben und der Speck im Kartoffelsalat ist doch nur für den Geschmack. Und überhaupt, was soll das mit diesem ganzen “vegan” überhaupt? Ehe man sich’s versieht, findet man sich mitten in einer Diskussion rund um Ethik, Gesellschaft und Ernährungswissenschaften.


Solltest du wie ich Veganer sein und das auch kennen: Ich habe in diesem Beitrag ein paar gängige Aussagen über Veganismus und Veganer*innen zusammengefasst. Und auch, wie du ihnen mit Fakten begegnen kannst. Welche Aussagen sind euch noch begegnet?

Mythos 1: Tofu-Schnitzel zerstört den Regenwald

Laut Sojareport des BUND werden etwa 95 Prozent der Sojaimporte für den Einsatz als Futtermittel in der Produktion von Fleisch-, Eier- und Molkereiprodukten verwendet. 

Brasilien ist eines der Hauptanbauländer für Soja. Um Platz für die Monokulturen zu schaffen, werden seit Jahrzehnten große Flächen Regenwald gerodet (Tendenz stark steigend). Die Flächen werden außerdem auch für Weideflächen für Rinder genutzt.

Soja für die Lebensmittelindustrie in der EU stammt allerdings vorwiegend aus Kanada oder Südeuropa.

Dass Tofu den Regenwald zerstört, ist daher nicht richtig. Vielmehr ist der immer steigende Fleischkonsum und die damit verbundene Rodung für die Bereitstellung von Futtermitteln der wahre Grund für die Zerstörung.

Mythos 2: Vegetarisch verstehe ich ja noch, aber vegan ist mir zu extrem

Abgesehen von Frutarier*innen leben Veganer*innen am konsequentesten. Sie essen kein Fleisch, keinen Fisch und keine tierischen Erzeugnisse wie Milch, Milchprodukte, Eier oder Honig. Der Verzicht geht i.d.R. bis hin zu Bekleidung und Produkten des Alltags. 

Ob diese Konsequenz jetzt unbedingt als extrem betitelt werden muss, weiß ich nicht. Ist es nicht auch irgendwie extrem, durch seine Ernährung enorm viele Treibhausgas-Emissionen zu verursachen, die den Klimawandel beschleunigen, und in vielen Fällen für Tierleid mitverantwortlich zu sein? 

Mythos 3: Du lebst vegan? Hast du dann nicht Eiweißmangel?

Wer kennt es nicht? Wenn das Wort “vegan” fällt, ist plötzlich jede*r Ernährungswissenaftler*in. Haben alle Veganer*innen Eiweißmangel? Nö. Der Mythos besteht vor allem, weil bei einer veganen Ernährung mehr Proteine nötig sind, um den Bedarf zu decken. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt 0,8 g Protein pro Kg Körpergewicht. Bei einer rein pflanzlichen Ernährung können die Proteine ca. 10% geringer umgesetzt werden. Laut einer Studie aus dem Jahr 2010 wird daher eine Einnahme von 0.9-1.0 g Protein pro Kg Körpergewicht empfohlen. Tofu, Hülsenfrüchte, Nüsse, Gemüse: Mit einer ausgewogenen Ernährung ist das aber allemal zu schaffen, wie viele Ernährungsfachgesellschaften rund um den Globus bestätigen.

Mythos 4: Vegan ist teuer und kompliziert. Man kann fast nichts mehr essen

Es stimmt: Vegan sein ist teuer, wenn man nur Nussmus und Premiumzeug kauft. Eine ausgewogene Ernährung mit Gemüse etc. kann aber auch sehr günstig bis günstig sein. 

Der Einkauf und auch das Kochen ist am Anfang definitiv komplizierter. Mit der Zeit kommt man aber in Übung, man kennt leckere Gerichte und – so geht es mir – macht mit der Zeit viel mehr selbst, was dann wiederum günstiger ist.

Zudem hat man als Veganer*in wirklich viele Optionen, die nicht nur aus etwas Gemüse und Avocados bestehen, wie viele denken. 

PS: Vielleicht ist Fleisch auch einfach zu günstig?

Mythos 5: Vegan bedeutet Verzicht

Auch wenn viele sagen, das stimmt nicht, würde ich sagen: auf jeden Fall. Man kann viele Produkte, die es zu kaufen gibt, nicht essen, und vieles (geschmacklich) auch nicht 1:1 ersetzen. Aber: Es ist freiwilliger Verzicht, der ja auch etwas mit Selbstreflexion und Stärke zu tun hat. Warum ist Verzicht so negativ besetzt in dieser reizüberfluteten Welt?

Mythos 6: Wenn du kein Fleisch essen willst, warum isst du dann Soja nach Gyros-Art?

Für mich war die Entscheidung, auf tierische Erzeugnisse oder Fleisch zu verzichten, keine geschmackliche. Bei Fleischersatzprodukten wird versucht, eine Alternative zu schaffen, die eben ohne all die negativen Aspekte der Massentierhaltung auskommt. Dass die Ersatzprodukte nicht immer gesünder sind, sollte mittlerweile vielen bewusst sein. Trotzdem sollte man auch die Tatsache akzeptieren, dass Menschen, die aus ethischen Gründen verzichten, den Geschmack (und vielleicht sogar das Aussehen) von Fleisch vermissen. 


Mythos 7: Nur ein Trend

Ovo-Lakto-Vegetarier*innen, Lakto-Vegetarier*innen, Ovo-Vegetarier*innen, Pescetarier*innen, Frutarier*innen, Flexitarier*innen, Veganer*innen: schon klar, wer soll da noch durchblicken? Viele dieser neuen Bezeichnungen klingen vielleicht nach einem neuen Trend, der nicht von langer Dauer ist. 

Die Angaben, wie viele Menschen sich in Deutschland vegan ernähren, schwanken zwischen 0,1 Prozent und 1 Prozent der Bevölkerung. Bei der forsa-Umfrage zum BMEL-Ernährungsreport 2020 gab 1 Prozent der Befragten an, vegan zu leben. Die Tendenz der letzten Jahre weist einen leichten Anstieg auf. Auch vegane Alternativen zu tierischen Produkten landen immer häufiger im Einkaufswagen der Verbraucher*innen. 

In Deutschland und der EU stagniert der Fleischverbrauch, in den USA geht er seit 6 Jahren deutlich zurück. Ist diese Stagnation nun eine vorübergehende Einstellung oder ein Megatrend, der bleibt? Das wird sich wohl erst in einigen Jahren zeigen. Meine persönliche Meinung dazu ist: Solange uns Klimafragen beschäftigen (und das wird in den nächsten Jahrzehnten eher mehr als weniger), wird uns auch die eigene Ernährung beschäftigen. Der “Trend” ist auch aus einer Notwendigkeit geboren, den Verzicht zu lernen und den Konsum herunterzufahren. Das unterscheidet ihn von anderen Trends. 


QUELLEN:
Academy of Nutrition and Dietetics“ (USA)
National Health and Medical Research Council”(Australien)
National Programme for the Promotion of Healthy Eating (Portugal)
zukunftsInstitut
BMEL-Ernährungsreport 2020
forsa-Umfrage zum BMEL-Ernährungsreport 2020
Statista: Personen in Deutschland, die sich selbst als Veganer einordnen oder als Leute, die weitgehend auf tierische Produkte verzichten, in den Jahren 2016 bis 2020.

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