Startseite » Texte » Die Sojahoden

Die Sojahoden

“Soja ist schlecht für Männer, ihre Hoden und die Spermien, die diese produzieren.“

  • Irgendein Typ im Internet.

Ein kleiner Exkurs zu verfehlten Gefühlen der Männlichkeit, zu Whataboutism und der mangelnden Fähigkeit, Fakten zu reflektieren.

Anfang des Monats haben wir ein paar Erkenntnisse aus dem Fleischatlas vorgestellt. Wie es der Name des Atlas schon verrät, geht es in den Artikeln größtenteils um Fakten und Studien rund um den Verzehr von Tieren. Beispielsweise wurden 2019 in Deutschland täglich 2 Millionen Tiere geschlachtet. Auch der Hauptanteil der Regenwaldrodung fällt der Rinderhaltung oder dem Futtermittel-Anbau zum Opfer.

Mit den Informationen wird dabei ganz unterschiedlich umgegangen. Viele reflektieren, nehmen die Zahlen auf und begreifen das Leid und die Macht, die in diesen Zahlen steckt. Andere kommentieren lieber einfach irgendwas, das sie “irgendwo mal gelesen haben” und das gar nichts mit dem Thema zu tun hat.

Aber weil das nicht so stehen lassen können, wollen wir auch diesem Mythos auf den Grund gehen. Ist was dran? Oder ist der Kommentar eine hodenlose Frechheit?

Von Süß bis Umami

Wenn man im Internet nach Soja und Hoden sucht, ist der erste Treffer ein Artikel über einen TikTok Trend, bei dem Männer ihre Testikel in Sojasoße halten. Warum? Angeblich könne man mit seinen Kronjuwelen verschiedene Geschmäcker wahrnehmen. Aber: Diesen Einfluss von Soja auf die Hoden hat der Verfasser des Kommentars bestimmt nicht gemeint. Außerdem stimmt es nicht (Habe ich nachgelesen und nicht nachgeprüft!)

Was ist jetzt also dran?

Die Aussage bezieht sich wohl darauf, dass in Soja sogenannte Isoflavone enthalten sind. Diese gehören zu den Phytohormonen und sind dem menschlichen Sexualhormon Östrogen sehr ähnlich. Diese Isoflavone können im Körper an die gleichen Rezeptoren gebunden werden und dort Prozesse aktivieren, die sonst nur Östrogen hervorruft. Allerdings ist die Wirkung sehr viel geringer oder kann sogar einen blockierenden Effekt haben.

Generell ist die Studienlage sehr durchwachsen und widersprüchlich. Eine Studie aus dem Jahr 2014

kommt beispielsweise zu dem Schluss, dass der Verzehr von Soja das Brustkrebsrisiko senken könne. Tierversuche ergaben ein anderes Ergebnis: Hier beschleunigten die Isoflavone im Futter das Wachstum der Krebszellen.

Ein Problem der Studienlage: Viele “Ergebnisse”, zum Beispiel, dass bei menstruierenden Personen stärkere Regelschmerzen auftreten, weil sie im Kindesalter mit Sojamilch gefüttert wurden, sind aus reinen Beobachtungsstudien entstanden. Wirklich wissenschaftliche Experimente und Erkenntnisse fehlen.
Wie ist das bei den Männers?

Eine Beobachtungsstudie zeigte: Männer, die viel Soja essen, produzieren weniger Spermien. Allerdings gibt es auch weitere Faktoren, die die Spermienanzahl beeinflussen: Zum Beispiel der Konsum von Alkohol, Rauchen oder auch starkes Übergewicht. (Und Veganer*innen und Vegetarier*innen haben seltener Übergewicht, hah!) Weitere Studien sahen dagegen überhaupt keinen Zusammenhang von Soja und der Spermienproduktion.

In einer Studienübersicht aus dem Jahr 2018 und einer weiteren Auswertung aus demselben Jahr sind sich die Autor*innen einig:

1. Hodentragende Menschen können Sojaprodukte verzehren, ohne sich dabei Sorgen um ihre Fruchtbarkeit machen zu müssen. Vielleicht lohnt sich auch der Blick in asiatische Länder: Hier nehmen Sojagerichte einen weitaus wichtigeren Teil der Ernährung ein als bei uns. Sollte am Mythos etwas dran sein, dann müssten Asiaten alle verweiblicht und unfruchtbar sein. Spoiler: ist nicht so.

2. Eine “Verweiblichung” findet bei Mengen von 40 mg Isoflavon nicht statt. Zum Vergleich: Ein Tofu (100 Gramm) hat 20-30 mg. Anderen Empfehlungen zufolge sind 1 mg Isoflavone pro Kilogramm Körpergewicht absolut unbedenklich. (Das heißt aber nicht, dass einem bei einer Überschreitung direkt Brüste wachsen oder man nie wieder Kinder zeugen kann!)

3. Auch auf den Testosteron- und Östrogenspiegel wurde kein deutlicher Einfluss festgestellt.

4. Viele negative Effekte wurden in Tierversuchen nachgewiesen. (Übrigens stammt daher auch der Mythos mit den Geschmacksnerven und der Sojasoße). Auf den Menschen lassen sich diese Ergebnisse aber nicht einfach so übertragen.

Also, lieber Kommentator: An deiner Aussage, Soja sei schlecht für die Hoden, ist leider nicht sehr viel dran. Du kannst also gerne mal dein Ribeye gegen gegen ein Sojaschnitzel ersetzen, ohne dich dabei in deiner tiefsitzenden Männlichkeit angegriffen zu fühlen. 🙂 


Bacon ist kein Argument

Ich empfinde diese ewige Abwehrhaltung als anstrengend. Ein perfekter nachhaltiger Lebensstil ist eine Illusion, klar. Und jede Lebensrealität sieht anders aus, ich möchte mich da gar nicht einmischen und sagen, was andere Menschen zu tun und zu lassen haben. Aber können wir uns vielleicht einfach mal darauf einigen, dass wir auf einer faktischen Grundlage argumentieren und Lebensweisen, die sich auf diese Fakten stützen, akzeptieren?

Wenn wir über den Fleischatlas und die Missstände der Fleischindustrie berichten und Menschen ankommen und über Sojahoden reden, ist das erstens sehr unpassend und zweitens Whataboutism in Reinform. Danke und Kuss auf die Nuss.

Quellen:

Studien:

Vergleichsstudie: Soy Consumption and the Risk of Prostate Cancer: An Updated Systematic Review and Meta-Analysis

Studie zur geringeren Spermienanzahl: Soy food and isoflavone intake in relation to semen quality parameters among men from an infertility clinic

Gegendarstellung: Soybean isoflavone exposure does not have feminizing effects on men: a critical examination of the clinical evidence

Beobachtungsstudie Menstruationsschmerzen und Soja: Soy-based infant formula feeding and menstrual pain in a cohort of women aged 23–35 years 

Studie Soja und Brustkrebs: Association between soy isoflavone intake and breast cancer risk for pre- and post-menopausal women: a meta-analysis of epidemiological studies | ergänzend dazu der Bericht Soja und Brustkrebs vom Deutschen Krebsforschungszentrum
Medienberichte:

Quarks: Ist Tofu gefährlich

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.