Startseite » Texte » Fischfang: Wenn die EU-Richtlinie schon am Zählen scheitert.

Fischfang: Wenn die EU-Richtlinie schon am Zählen scheitert.

Viele Fischbestände werden massiv überfischt und sind akut in Gefahr. Die Reformen der EU klingen vielversprechend, doch tragen kaum Früchte, nehmen die Bestandzahlen vieler bedrohten Arten trotzdem weiter ab. Eine Studie verschärft die Kritik: Sie geht davon aus, dass der Fischfang noch größere Ausmaße hat, als bisher angenommen.

2014 präsentierte die EU eine Fischereireform mit dem Ziel, nachhaltigen Fischfang zu fördern und Fangquoten zu etablieren, die die Fischbestände schützen. In diesem Jahr läuft die Reform aus. Und ganz unfreiwillig scheinen die Quoten und Vorgaben erfüllt, durch die Maßnahmen im Zuge der Corona-Pandemie. 

40 Prozent der Bestände in der EU seien immer noch in einem kritischen Zustand, so Rainer Froese vom Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Der WWF spricht im Mittelmeer sogar von knapp 62 Prozent überfischten Beständen.

Gerade das Jahr in dem die Fischereireform ausläuft, könnte nun das erste ohne eine Überfischung sein.
„Das Virus erledigt nebenbei, was die Fischereiminister nicht geschafft haben“, fasst es Froese zusammen. Global Fishing Watch hat den Rückgang während der Corona-Krise dokumentiert. Anhand von Satellitenbildern schätzt sie die Abnahme der Fischerei in der EU auf bis zu 50 Prozent.

Dass der “Corona-Effekt” keine nachhaltige Veränderung ist, sollte auch der Europäischen Union klar sein. Der erste Entwurf einer neuen Reform ist bereits öffentlich einsehbar. Hier verspricht die EU mehr Gelder und mehr Engagement, um eine selbstständige Regeneration der bedrohten Bestände zu ermöglichen.

Dass das dringend notwendig ist, zeigen die Zahlen des weltweiten Fischkonsums. Dieser steigt stetig an. Die Gesamtproduktion lag im Jahr bei 179 Millionen Tonnen. Die UN-Organisation FAO geht aber von einem raschen Anstieg aus, so sollen bis 2030 schon 204 Millionen Tonnen produziert werden.

Wege aus der Überfischung?

Eine erschreckende Prognose, denn schon heute sind viele Bestände bedroht. Es gibt allerdings Lösungsansätze. Laut FAO habe sich der Fischfang im Jahr 2018 im Vergleich zu 1986 “nur” um 9 Millionen Tonnen erhöht und liegt jetzt bei 96 Millionen Tonnen. Im Gegensatz dazu wurde die sogenannte Aquakultur, also kontrollierte Fischzucht, stark ausgebaut. Die produzierte Menge an Fisch hat sich in dem Zeitraum 1986-2016 von 15 Millionen Tonnen auf auf 82 Millionen fast verfünffacht. Ein Ausbau der Aquakultur könnte also den Wildfang und damit die Bestände entlasten.

Höchst fragliche Datenlage

Die Zahlen bleiben allerdings nicht ohne Kritik. Eine Studie von Biologe Daniel Pauly aus dem Jahr 2016 stellt die Zählmethode der FAO in Frage. Die Zahlen könnte viel höher liegen als bisher angenommen. In der Studie wurden verschiedene Datensätze von Fangzahlen aus über 200 Ländern rekonstruiert. Im Schnitt seien die Zahlen der FAO in den letzten 60 Jahren 53 Prozent höher als in der Pauly-Studie.

Rainer Froese sieht den Fehler nicht bei der FAO, sondern bei den Daten, die die Mitgliedstaaten der FAO zur Verfügung stellen. In diesen sei lediglich die Masse enthalten, die an Land gewogen wird, nicht aber der Beifang, der direkt im Meer entsorgt wird. Dieser Beifang könne allerdings einen großen Anteil ausmachen, alleine bei der Krabbenfischerei bis zu 80 Prozent, so Froese. Auch die Zahlen der privaten Fischerei fehlen in der Analyse der FAO, in der Studie von Daniel Pauly sind diese Faktoren enthalten.

Die Krux der Daten offenbart sich bei einem Blick auf die Fangquoten, die von der International Council for the Exploration of the Sea (ICES), einem Zusammenschluss von vielen Wissenschaftler*innen und Instituten, veröffentlicht werden. Diese beziehen sich zwar nicht direkt auf die FAO, allerdings arbeiten sie mit denselben Zahlen, die die Mitgliedstaaten bereitstellen.

Die Fangquoten werden daher anhand von ungenauen Berechnungen erstellt, was auch erklärt, warum der Bestand ständig abnimmt. Hinzu kommt auch, dass die Regeln trotz allem nicht eingehalten werden. Auch hier hat die EU in ihrem neuen Entwurf Besserung versprochen.

Fazit?

Was sich ab nächstem Jahr wirklich ändern wird, bleibt abzuwarten. Die neue Fischereireform soll bis zum Jahr 2027 gelten. Auf dem Papier lesen sich die Forderungen gut – das war aber auch schon 2014 so. Die EU-Kommission schätzt die Einbußen der Fischindustrie auf bis zu 30 Prozent.

Höhere Fangquoten und eine Verlängerung der Fangsaison sind daher im Gespräch bei der FAO. Wie bei vielen “positiven” Effekten von Corona für die Umwelt, könnte die Krise aber auch eine Chance bieten, dauerhaft nachhaltige Veränderungen zu erwirken. Die jetzt stattfindende Regeneration der Fischbestände sollte nicht durch ein exzessives Überfischen nichtig gemacht werden.




QUELLEN:
Europäische Kommission: Die Gemeinsame Fischereipolitik (GFP)
Fischereireform 2014-2020 sowie der Enwurf: “EU budget: Commission proposes a new fund to invest in the maritime economy and support fishing communities”
nature communications: Catch reconstructions reveal that global marine fisheries catches are higher than reported and declining
Global Fishing Watch: Global fisheries during Covid-19
Zeit: Überfischung: Wir essen die Weltmeere leer / Fischereibericht 2020: Weltweiter Fischkonsum erreicht Rekordwert
Deutschlandfunk: Überfischung: Fischratgeber von Greenpeace veröffentlicht / Genauere Fangzahlen: Überfischung wurde unterschätzt
WWF: Überfischung: Bald drohen uns leere Meere
taz: Corona und die Fischbestände:Fischers Fritze fischt nicht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.