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Karnismus: Warum wir Hunde lieben, aber Schweine essen.

Nein, wir essen keine Hunde. Aber mal ehrlich, hat dich das Bild irritiert? Wenn ja, warum? Ist das Leben eines Hundes mehr wert, als das eines Schweines? Ich habe mit in diesem Post mit der Ideologie des Karnismus beschäftigt, die versucht, genau diese Differenzierung zu erklären .

Warum essen wir Schweine, aber lieben Hunde? Diese Frage hat sich auch die Psychologin Dr. Melanie Joy gefragt. Sie versucht mit dem Begriff Karnismus die Ideologie hinter der Tatsache zu erklären, warum Menschen Fleisch essen  Fleisch einiger spezieller Tierarten essen, und das anderer auf keinen Fall.

Um auf das Ungleichgewicht aufmerksam zu machen, nutzt sie ein einfaches Gedankenspiel. Man wird zum Essen eingeladen und bekommt eine köstliche Bolognese serviert. Natürlich ist man auch am Rezept interessiert. Das Geheimnis, so die Gastgeberin, liege an 500 Gramm feinstem Labradorfleisch. Der Wohlgenuss schlägt in Ekel und Abkehr um, aber warum?

Melanie Joy begründet das so:

Zum einen sei das Essen von Tieren kultur- und religionsabhängig. Bei einigen Glaubensrichtungen ist es beispielsweise ein Unding, Schweine oder auch Kühe zu essen. In vielen Provinzen Chinas stehen Hunde auf der Speisekarte, in Europa ist das aber mehr oder weniger unvorstellbar – die süßen Vierbeiner sind doch quasi ein Familienmitglied.

Diese kulturelle Unterschiede offenbaren bereits einen wichtigen Punkt aus Joys Theorie. 

Sie beschreibt den Karnismus als eine Art unsichtbares und fest verwurzeltes System aus Konditionierungen, das aber auch von vielen anderen Einflüssen, wie dem Staat und Gewohnheiten getragen werde. Ein System, das versuche Fleischessen zu rechtfertigen, in das man hineingeboren und viel zu selten in Frage gestellt werde.

Gleichzeitig sei es aber auch von Gewalt geprägt, beziehungsweise sogar auf Gewalt ausgelegt. Um Tieren zu essen und zu verarbeiten, sei immer auch immer eine Tötung nötig. Hier greife bereits das unsichtbare System. Denn genau in solchen Situation entstehe ein Abwehrreflex, Empathie auszublenden und somit den Karnismus zu verteidigen.

Generell gebe es drei Abwehrmechanismen, die der Karnismus hervorrufe:

  1. Die Unsichtbarkeit oder Verborgenheit 

Zwar wisse man, was in Mast- und Schlachtbetrieben geschieht, trotzdem gelangen die Bilder selten an die Öffentlichkeit. Ein Bezug zu dem Tier, das später auf dem Teller landet, gebe es daher nicht. Das verarbeitete Produkt erinnere nur wenig an das lebende Tier, eine lachende Bärchenwurst täuscht so über das tatsächliche Leid hinweg.

  1. Mythen

Der Karnismus stütze sich weiterhin auf einige Mythen, die oft auch in Diskussionen rund um Veganismus oder Fleischessen auftreten. Diese Abwehrmechanismen stützen sich auf die drei N’s, Fleisch sei normal, natürlich und notwendig. 

  1. Wahrnehmungsverzerrung

Das System führe unter anderem zu einer Einteilung oder Kategorisierung von Tieren. Nutztiere, wie Kühe, Schweine oder Hühner. Und eben Haustiere, wie Hunde oder Katzen. Dass letztendlich auch sogenannte “Nutztiere” individuelle Charaktere besitzen, werde ihnen aberkannt.

Besonders deutlich wird diese Wahrnehmungsverzerrung, wenn tote Tiere sichtbar werden. Bei den verheerenden Buschbränden in Australien, die ohne Frage eine absolute Katastrophe waren, sind laut WWF insgesamt 1,25 Milliarden Tieren gestorben. Bilder von verkohlten Kängurus gingen um die Welt und lösten eine Welle von Mitleid und Entrüstung aus. Trotzdem, der Anteil der gestorbenen Tiere ist nur ein Bruchteil der weltweit geschlachteten Tiere.

In meiner Recherche habe ich auch einige Vergleiche zu anderen extremen Ideologien gelesen, die den Karnismus in eine Reihe mit Rassismus und Sexismus stellen, da dort sehr ähnliche Abwehrmechanismen und Vorurteile vorherrschen, die nach und nach durchbrochen werden müssen, ebenso, wie beispielsweise Sklaverei oder das Patriarchat brüchig geworden ist, da Vorherrschendes hinterfragt wurde.

Aus meiner Erfahrung laufen Diskussionen zwischen Veganer*innen und Menschen, die Fleisch essen, oft ins Leere. Die drei N’s kommen dabei sehr oft zur Geltung. Was “normal” ist und was nicht hat meiner Meinung nach immer auch mit eigenen Überzeugungen und eben auch wieder mit Gewohnheiten zu tun, auf die sich die gesamte Ideologie des Karnismus stützt. Auch das Argument der Natürlichkeit von Fleischessen wird häufig verwendet. Oft wird dieses Argument dadurch gestützt, dass es ja immer so war und auch unsere Vorfahren Fleisch gegessen haben.

Trotzdem wird dieses Argument oft nicht zu Ende gedacht, da wir uns auch von anderen Verhaltensweisen losgesagt haben – zum Beispiel leben wir nicht mehr in Höhlen. Wir haben viele Dinge abgelegt, die unsere Lebensweise verbessert hat. Auch die Notwendigkeit wird immer mehr in Frage gestellt. Gerade hier wird die Grundsatzdiskussion verlagert, die sich auf Nährstoffe und ähnliches bezieht. Die Notwendigkeit bezieht sich allerdings auch auf die Frage, ob die eigene Existenz ohne den Konsum von Fleisch gefährdet ist.

Während Veganer*innen oft vorgeworfen wird, ihre Ernährungsweise sei eine Art Ersatzreligion, dreht Melanie Joy den (Tofu)-Spieß einfach um:

“Karnismus ist ein Glaubenssystem, eine Ideologie. Wir sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass es richtig ist, Tiere zu essen. Das ist eine soziale Norm, an der kaum gerüttelt wird. Der Karnismus hält uns davon ab, diese Norm zu hinterfragen. Wir haben also die Logik eines höchst unlogischen Systems verinnerlicht.”

Ihr seid dran…

Meine Frage ist: Wie seht ihr das? Lässt sich Tierliebe mit Tiere essen vereinbaren oder ist das Doppelmoral in Reinkultur? Wie steht ihr zum Ansatz von Melanie Joy?




QUELLEN:
Melanie Joy: Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen: Karnismus – eine Einführung
Brock Bastian, Steve Loughnan, Nick Haslam and Helena R. M. Radke: Don’t Mind Meat? The Denial of Mind to Animals Used for Human Consumption bzw: The role of meat consumption in the denial of moral status and mind to meat animals
WWF: 125 Milliarden Tote Tieren in Australien
Animalequality: Karnismus – Eine fatale Ideologie
Albert Schweitzer Stiftung: Karnismus, die Psychologie des Fleischkonsums
Swissveg: Karnismus
Vegpool: Karnismus – die Ideologie des Fleischessens

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