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Pastoralismus: Nachhaltige Tierhaltung. Geht das?

Nachhaltige Tierhaltung. Geht das?

Wenn ich die Worte Tierhaltung und Fleischkonsum höre, dann assoziiere ich damit furchtbare Zustände in deutschen Mastbetrieben und hohe Treibhausgasemissionen. Woran ich nicht denke: Förderung der Biodiversität und Nachhaltigkeit. 

Anfang des Jahres bin ich auf einen interessanten Artikel über eine Art der Tierhaltung gestoßen, die sich über Jahrtausende im Einklang mit der Natur entwickelt hat, heute aber vor sehr existenzbedrohliche Herausforderungen gestellt wird.


Was ist Pastoralismus?

Die Fleischherstellung hat sich hierzulande zu einer absoluten Massenindustrie entwickelt. Je günstiger das Fleisch wird, desto mehr Leid erfahren die Tiere und umso weniger Wertschätzung erfährt das “Produkt” am Ende. Noch dazu hat sich die Tierhaltung zu einem großen Faktor der Beschleunigung des Klimawandels entwickelt. 

Dass es neben dieser intensiven Tierhaltung auch einen extensiven Ansatz gibt, rückt so oft in den Hintergrund. Wie kann eine ökologische Tierhaltung fernab von Käfigtierhaltung und Fließbandschlachtungen aussehen?

Der sogenannte Pastoralismus ist eine über Jahrtausende entwickelte Art der Tierhaltung. Zwar ist das Ziel, Menschen zu ernähren, gleich, die Vorgehensweisen könnten aber unterschiedlicher nicht sein. 

Beim Pastoralismus ziehen mobile Hirtenvölker zwischen Weiden und Futterorten umher. Vor allem auch in Regionen, die kaum für Ackerland zu nutzen sind, weil sie zu steil, heiß, trocken oder kalt sind. Der Pastoralismus sichert Arbeitsplätze und Nahrung. Insgesamt werden, laut Daten aus dem Fleischatlas, 26 Millionen Quadratkilometer auf diese Art bewirtschaftet. Das ist mehr als die Flächen der USA, China und der ganzen EU zusammen. 

In vielen Ländern sind Lebensmittel der pastoralen Wirtschaftsweise ein essentielles Gut. In Burkina Faso werden mehr als 70% der Tiere in pastoralen Systemen gehalten. In Niger und Tschad mehr als 80% und in Tansania und Somalia über 90%.

Der Pastoralismus hat dabei nicht nur einen ökonomischen, sondern auch einen ökologischen Einfluss.

Warum die Wirtschaftsform (ökologisch) wichtig ist.

Der Pastoralismus hat sich über Jahrtausende entwickelt. Diese spezielle Art der Tierhaltung hat daher einen großen Einfluss auf die Grasländer und deren Entwicklung. 

“Wanderviehhalter haben komplexe Managementsysteme und kulturelle Normen entwickelt, die die nachhaltige und effiziente Nutzung dieser Ressource gewährleisten. Letzten Endes ist die Lebensweise der Pastoralisten so eng mit dem Erhalt der Biodiversität verbunden, dass sie als deren Hüter bezeichnet werden können”, heißt es zum Beispiel in einem Bericht von “Entwicklung und Zusammenarbeit”.

Tatsächlich kann der Pastoralismus die Biodiversität von Gras- und Savannenländern unterstützen. Einerseits durch die Erfahrung der Hirt*innen: Sie wissen genau, wie belastbar die Vegetation ist und wie welche Futterpflanzen wirken. Wenn das Futter knapp wird, ziehen sie weiter. 

Weiterhin wirkt sich auch der Kot der Tiere auf die Landschaften aus. “Er erhält Insekten, die wiederum die Nahrung für Vögel, Amphibien und Reptilien sind. Außerdem ist das beweidete Grasland eine wichtige Kohlenstoffsenke”, heißt es im aktuellen Fleischatlas.

Auch in unseren Gefilden zeigt sich der ökologische Nutzen der wandernden Herden. So gehören laut Fleischatlas die von Wanderhirten genutzten traditionellen Schafstriften in Europa zu den artenreichsten Gebieten des Kontinents.

Die Tierindustrie, die hierzulande ein erschreckendes Ausmaß erreicht hat, benötigt im Vergleich dazu eine Vielzahl an Futtermitteln. Vor allem die Sojaproduktion steht im Zusammenhang mit der Abholzung der Tropenwälder. Der Pastoralismus hat sich im Laufe der Zeit im Einklang mit der Natur entwickelt, anstatt sie für den Fleischverzehr zu zerstören.

Warum der Pastoralismus bedroht ist

Über die Jahrtausende haben sich regionale Tierrassen entwickelt, die sich an die äußeren Gegebenheiten angepasst haben, um besser auf und Krankheiten, Parasiten und Dürren reagieren zu können. Die industrielle Tierhaltung verdrängt diese Rassen, da nur mit den ertragreichsten Tieren “gearbeitet” wird. 

Das kulturelle Erbe des Pastoralismus ist nicht nur deshalb stark bedroht. Immer mehr Weideflächen werden verstaatlicht. Bei großen Industrieprojekten auf Weidegrün haben die Pastoralist*innen kein Mitspracherecht und über Generationen bewirtschaftete Weiden müssen Fabriken weichen.

Die Einschränkungen stellen die Hirt*innen im Angesicht des Klimawandels vor Schwierigkeiten. Die klimatischen Veränderungen verlangen eine größere Flexibilität in der Mobilität, um auf Dürren und Überschwemmungen reagieren zu können.

Die schnellen Veränderungen können auch einen Einfluss auf die Krankheitsresistenz der Herden haben und stellen damit auch eine Bedrohung für Nahrungsmittelversorgung der Region dar.

Viele politische Rahmenbedingungen in pastoral geprägten Ländern lassen die Pastoralist*innen außen vor und drängen die Kultur an den Abgrund: 

“Für Pastoralistinnen und Pastoralisten aber wären Landrechte, die eine gemeinschaftliche Nutzung stärken, und eine Förderung des Wissensaustausches zwischen den Beteiligten die besten Rezepte, um in Zeiten des Klimawandels weiter nachhaltig leben zu können”, heißt es im Fleischatlas.

Die Wertschätzung

Der Pastoralismus ist eine ökologische Wirtschaftsweise, die einerseits Millionen von Menschen ernährt und gleichzeitig einen wirklichen Nutzen für die Biodiversität hat. In unser heutigen Welt, in der die Wertschätzung für Discounter-Fleisch quasi nicht mehr existiert, lohnt sich der Blick zurück auf diese kulturelle Identität, die wir gegen Schnitzel für 1.99 und hohe Treibhausgasemissionen eingetauscht haben.

Ich weiß, dass viele Menschen auch aus ethischen und moralischen Gründen auf Fleisch und Tierprodukte verzichten. (Ich zum Beispiel auch.) Trotzdem denke ich, dass diese Wirtschaftsform ist ein schützenswertes kulturelles Gut ist, das in einem krassen Gegensatz zur heutigen Fleischindustrie steht.

Quellen:

Entwicklung und Zusammenarbeit: Hirten als Hüter der Umwelt

Fleischatlas: Pastoralismus: KARGES LAND UND REICHER NUTZEN

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