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Urban Gardening. Wer gärtnert in der Stadt?

Urban Gardening oder das „urbane Gärtnern“ auf den städtischen Balkonen, Terrassen und Gärten liegt seit Jahren weltweit stark im Trend. Die Gründe dafür sind vielseitig: Für einige Länder steht hier die Nahrungsmittelversorgung im Vordergrund. In Deutschland und anderen Industrieländern wird derzeit vor allem aus sozialen, ökologischen und politischen Gründen gegärtnert. Welche Arten von Gärtner*innen und Gärten es gibt, welche Potenziale dort liegen und welche Probleme und Risiken auftreten können, haben wir euch in diesem Beitrag zusammengefasst.

Welcher Garten darf des sein?

Die meisten urbanen Gärten in Deutschland sind Gemeinschaftsgärten, die – wie der Name schon sagt – von einer Gruppe aus Freiwilligen gemeinschaftlich bewirtschaftet werden. Hier werden Obst und Gemüse, Zier- und Nutzpflanzen herangezogen, in den meisten Fällen biologisch und ohne Dünger oder Pestizide. Im Hinblick auf immer wieder aufkommende Nahrungsmittelskandale spielt der biologische Anbau für viele Gärtner*innen eine große Rolle.

Die bekannteste Form der urbanen Gemeinschaftsgärten sind die sogenannten Interkulturellen Gärten. Laut der gemeinnützigen Stiftung „anstiftung“ gibt es davon in Deutschland 365. Das Ziel dieser Gärten ist es, einen Ort der Begegnung zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund zu schaffen und Einwanderern sowie Geflüchteten einen Zugang zur deutschen Sprache und Kultur zu ermöglichen.

Darüber hinaus gibt es Kiezgärten, Nachbarschaftsgärten, Selbsternteprojekte, Stadtteilgärten, Guerilla Gardening-Aktionen und eine wachsende Zahl mobiler urbaner Landwirtschaftsprojekte. Viele dieser gemeinschaftlichen Gartenformen bieten dabei eine Plattform für Stadtökologie, Stadtplanung, Ernährung, lokalen Wissenstransfer oder für transkulturellen Austausch.

Schrebergärten dienen dagegen laut § 1 des Bundeskleingartengesetzes vor allem zur Gewinnung von Gartenbauerzeugnissen für den Eigenbedarf und zur Erholung. Die Kleingärten haben ihren einst spießigen Ruf schon längst verloren: Eine Studie des Bundesverbandes Deutscher Gartenfreunde e.V. (BDG) belegt, dass Kleingärten in manchen Ballungszentren so nachgefragt sind, dass teilweise Wartezeiten von mehreren Jahren bestehen.

Kleingärten
  • Anzahl: 893.000 Kleingärten
  • Fläche: 44.000 Hektar
Kleingärtner*innen und Kleingärtner*innenvereine
  •  knapp 900.000 Hobbygärtner*innen sind unter dem Dach des Bundesverbandes Deutscher Gartenfreunde organisiert.
  • 5 Millionen Menschen nutzen einen Kleingarten (Familie und Freunde) in knapp 
  • 14.000 Vereinen
  • 370 m² ist ein Kleingarten im Durchschnitt groß

Quelle: Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V.

Diese bisher genannten Projekte klingen fast romantisch, und außer gelegentlich in die Schlagzeilen geratene Kleingartenvereine, deren Einzelparzellen ein teilweise buntes Potpourri aus Flaggen aus dem Dritten Reich und dem Deutschen Kaiserreich aufweisen, findet sich an dem Konzept nur sehr wenig auszusetzen.

Indoor Farming und urbane Landwirtschaft

Bei der urbanen Landwirtschaft handelt es sich im Gegensatz zu den gemeinschaftlich und von Einzelpersonen bewirtschafteten Gärten dagegen um professionell durchgeführte Bewirtschaftungsformen, die marktorientiert und verbrauchernah produzieren und damit die Ernährungsversorgung von Städten gewährleisten sollen. Urban Farming findet oftmals in Innenräumen statt, man nennt es dann Indoor Farming. 

Auch wenn der Ansatz, Nahrungsmittel dort anzubauen, wo sie auch konsumiert werden, natürlich Sinn macht, gehen aus ökologischer und auch wirtschaftlicher Sicht mit diesen Ansatz durchaus einige Probleme einher. 

Eine Studie des Fraunhofer-Instituts IAO zeigt beispielsweise, dass hier der Technologieeinsatz durch künstliche Beleuchtung und der Einsatz von Sensorik und Automatisierungsprozessen ins Gewicht fällt, genauso wie die Einbindung erneuerbarer Energien, der Pestizideinsatz und der Flächenverbrauch. Insbesondere der hohe Stromverbrauch kann ein entscheidender Nachteil des Indoor Farmings sein, mit dem Potenzial, den ökologischen Nutzen zu untergraben.

Auf einen Blick: 

Vorteile 

  • Soziales: Neue Leute kennenlernen
  • Bildung: Neue Wertschätzung von Lebensmitteln
  • Partizipation: Stadtbild aktiv mitgestalten
  • Mobilisierung: Sinne für sozial-ökologische Krisen schärfen
  • Umwelt: mehr Artenvielfalt von Insekten, höhere CO2-Bindung, bessere Luft

Nachteile / Risiken

  • Urbanes gemeinschaftliches Gärtnern verlangt Pflege und Verantwortliche, die sich nicht immer finden. 
  • Missbrauch des Konzeptes 
  • Technische Lösung für ein soziales Problem: Neue Ernährungssicherheit von Indoor Farming könnte von tieferliegenden strukturellen Problemen ablenken


Quelle: Utopia

Was ist eure Meinung zu Urban Gardening und Urban Farming? Habt ihr selbst einen grünen Balkon, Schrebergarten oder gärtnert ihr bei einem Gemeinschaftsprojekt mit? 



QUELLEN:
Franhofer Studie: Urban farming in the city of tomorrow
Urban Farming: Urban Farming: Vor- und Nachteile von Landwirtschaft in der Stadt
anstiftung: DIE URBANEN GEMEINSCHAFTSGÄRTEN IM ÜBERBLICK
NABU: Urban Gardening Wie die Gärten in die Stadt zurückkehren
Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V.: Zahlen und Fakten
Heuner, Sonja: Forschungsorientiertes Projekt: Warum wird gegärtnert? Eine Untersuchung am Beispiel urbaner Gartenprojekte
Zukunftsinstitut: Die Zukunft ist ein Garten
Studie Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V.: Kleingärten im Wandel – Innovationen für verdichtete Räume
Konstantin Denkinger: Sozial-ökologische Motivationen der Kleingarten-Nutzer und -Nutzerinnen Greifswalds

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