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Warum wir Phosphat zum Leben brauchen.

Der Biochemiker und Science-fiction-Autor Isaac Asimov schrieb in seinem Traktat „Asimov on Chemistry” von 1975: „Lebewesen können sich vermehren, bis der Phosphor vollständig verbraucht ist. Unerbittlich kommt dann das Ende, und niemand kann es verhindern.” Deshalb sei der Stoff der „Flaschenhals des Lebens“.

Was ist Phosphat?

Phosphor sitzt an allen Schaltstellen des Lebens. Er ist Bestandteil des Erbmoleküls DNS, von Proteinen und dem Molekül, das in Zellen die Energie liefert. Ohne den Stoff wüchse keine Pflanze, er ist deshalb ein wichtiger Bestandteil von Düngemitteln. Im Augenblick steht Phosphor noch in ausreichender Menge zur Verfügung. Doch das könnte sich bald ändern, denn der Phosphor-Anteil in der Erdkruste beträgt gerade 0,12 Prozent, die Ressourcen schwinden und sind nicht erneuerbar. Damit steht der Erde eine Phosphor-Krise bevor. 

Warum steigt unser Phosphor-Bedarf?

Früher konnte durch den Zerfall von Biomasse genug Phosphor gewonnen werden, um das Überleben von Menschen und Pflanzen zu sichern. Doch mit einer wachsenden Bevölkerung steigt der Bedarf an Nahrung, mit dem Bedarf an Nahrung müssen mehr Pflanzen angebaut werden – und damit steigt eben auch der Bedarf an Phosphor, den die Pflanzen zum wachsen benötigen. Da wegen des Bevölkerungswachstums immer mehr Land unter den Pflug kommt oder dem vorhandenen Land steigende Erträge abgerungen werden müssen, dürfte der Verbrauch rasant zunehmen – nach Schätzungen der EU-Kommission bis 2050 um 50 Prozent.

Was sind die Folgen des hohen Verbrauchs?

Nach manchen Schätzungen könnten die Lagerstätten schon in 50 Jahren ausgebeutet sein. So oder so werden die verfügbaren Mengen aber sinken – mit potenziell dramatischen Folgen. Unter anderem dürften die Preise für Düngemittel explodieren, was die Getreideproduktion massiv verteuert. Lebensmittel würden dann zu Luxusartikeln. Während wir den Rohstoff momentan noch verschwenden, fehlt er bereits heute in ärmeren Staaten Afrikas und Asiens. Diese ungleiche Verteilung könne zu einem Preiskampf zwischen Reich und Arm führen, warnen Experten. Die sich in einigen Weltgegenden jetzt schon abzeichnende Lebensmittelknappheit dürften sich dadurch drastisch verschärfen.

Wo wird Phosphor noch verwendet?

Die überlebenswichtige Substanz ist genau genommen nicht der Phosphor selbst, sondern Phosphate, also Oxide des Phosphors bzw. Salze der Phosphorsäure. Diese Phosphate werden auch in der Lebensmittelindustrie verwendet: Beispielsweise als Zusatzstoff in Wurst, Käse, aber auch als Phosphorsäure in Coca Cola.

In der Landwirtschaft gibt es keine Alternative für Phosphat. In der Lebensmittelindustrie, wofür etwa 20 Prozent des Phosphatvorkommens verwendet werden, sieht das anders aus: hier gibt es bereits Alternativen, die nach jetzigem Stand jedoch teilweise teurer sind.

Wie wird Phosphor gewonnen? 

Der Abbau von Phosphor kann als problematisch betrachtet werden. Die Phosphate werden im Bergbau aus Mineralien wie Apatit und Phosphorit gewonnen und dann chemisch noch einmal zum gut wasserlöslichen “Superphosphat” umgewandelt. Teilweise sind in Phosphatgestein allerdings auch die hochgiftigen, krebserregenden und radioaktiven Schwermetalle Cadmium und Uran enthalten. Diese sind dann auch in den Düngemitteln vorhanden, da eine Trennung der Stoffe von dem Phosphat oft zu teuer und aufwendig ist.

Welche Länder bauen Phosphor ab? 

Die Problematik des Phosphor-Abbaus wird insbesondere sichtbar, wenn man die Länder näher betrachtet, welche die höchsten Phosphatreserven besitzen. 88 Prozent der bekannten Phosphatreserven liegen in China, Algerien, Syrien, Südafrika und Marokko – wobei Marokko mit seinem besetzten Territorium West-Sahara mit knapp drei Viertel aller Weltvorräte die größten Bestände hat. In vielen Fällen handelt sich hierbei also um politisch eher instabile Regionen, derer kontinuierlicher Lieferungen die importabhänigen Industriestaaten sich alles andere als sicher sein können – ganz abgesehen davon, dass die Ausbeutung von westsaharischen Beständen alles andere als fair abläuft. 

In vielen Fällen wird zudem kaum Wert auf den Umweltschutz gelegt. Das kann zu regelrechten Umweltkatastrophen führen, wie der Fall von Tunesien zeigt. Das nordafrikanische Land gehörte vor dem Arabischen Frühling 2011 zu den großen globalen Lieferanten von Phosphat – durch mangelnde Investitionen gerät der Abbau dort allerdings ins Stocken. Doch nach wie vor ist Gabès, eine Stadt im Südosten Tunesiens, in der ein Großteil der staatlichen Phosphat-Werke stehen, Schauplatz eines der größten Umweltskandale am Mittelmeer.

In der Chemiefabrik türmen sich unter freiem Himmel meterhohe Berge von Phosphaterz, das aus der Bergbauregion des Landesinneren geliefert wird, um hier zu Dünger verarbeitet und dann in alle Welt verschifft zu werden. Ein beißender Geruch von Ammoniak liegt in der Luft, aus einem Kanal blubbert eine zähflüssige, graue Brühe: Phosphorgips, der bei der Phosphatproduktion entsteht. Er enthält Radium, Uran, vor allem Cadmium. Radioaktiver und krebserregender Abfall, der in Gabès direkt ins Meer geleitet wird. Der Golf von Gabès sei längst klinisch tot, sagte ein Experte eines EU-finanzierten Umweltprojektes gegenüber der Neuen Züricher Zeitung. In einem Umkreis von rund zwanzig Kilometern wachse nichts mehr.

Was können wir tun? 

Was man gegen all das nun tun kann, ist wie immer nicht so leicht – vor allem, weil es so viele Perspektiven gibt. Tunesien beispielsweise ist von seinen Phosphor-Exporten nach wie vor abhängig, die Chemiefabrik schafft zehntausende Arbeitsplätze in einer Region, in der sonst absolut nichts ist. Je weniger Geld dort vorhanden ist, desto weniger wird zudem auch oft auf den Umweltschutz geachtet, ein Verbraucher*innenstreik kann hierbei also sogar einen gegenteiligen Effekt haben. 

Im Endeffekt müssen hierbei Wirtschaft und vor allem Politik helfen: Indem sie in den Ländern, deren Phosphor-Vorräte sie so dringend brauchen, Bedingungen schaffen, die die Umwelt und die Menschen vor Ort nicht erkranken lassen. Gleichzeitig sollte dann im Angesicht der Knappheit Phosphat eingespart werden – insbesondere in der Lebensmittelindustrie, in welcher es im Gegensatz zur Landwirtschaft bereits Alternativen gibt.

Letztlich sollte mehr in Verfahren investiert werden, Phosphat zu “recyceln”. Eine Möglichkeit ist hierbei beispielsweise das Recycling aus menschlichem Urin. Jeder von uns scheidet am Tag 1,7 Gramm aus, 60 Prozent davon im Urin. Allein in den jährlichen Ausscheidungen der Deutschen stecken 200.000 Tonnen Phosphat. Daraus ließen sich 40.000 Tonnen zurückgewinnen, was ungefähr der pro Jahr importierten Menge entspricht. Mittlerweile forschen einige Unternehmen daran, das Element daraus wiederzugewinnen. Das niederländische Wasserunternehmen GMB etwa sammelt eine Million Liter Urin pro Woche und scheidet daraus den Phosphor ab. Noch ist der Aufwand groß bei wenig Ertrag, doch bei steigenden Phosphatpreisen wird das Verfahren wirtschaftlicher. 




QUELLEN:
DStatis Statistisches Bundesamt: Produzierendes Gewerbe. Düngemittelverordnung
agrarheute: Betriebsmittel. Düngerpreise: Stickstoff billiger, Phosphor teurer
Focus: Ressourcen schwinden. Die Welt steht vor einer Phosphor-Krise – das hat fatale Folge für uns Menschen
Neue Züricher Zeitung. Das Phosphat-Werk an Tunesiens Küste ist eine Dreckschleuder – schließen wollen es aber selbst Umweltaktivisten nicht
Deutschlandfunk: Umweltkatastrophe in Tunesien. Giftiger Phosphatabbau

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