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Die Verlierer*innen des globalen Handels

In den nächsten Tagen beschäftigen wir uns mit dem Thema „Fairer Handel“. Gibt es so etwas wie faire Produkte überhaupt? Was können wir als Verbraucher*innen an unserem Konsumverhalten verändern – und was müssen Politik und Wirtschaft leisten? Bevor wir nach diesen Lösungen suchen, haben wir heute erst einmal ganz von vorne angefangen: Mit den Problemen des aktuell stattfindenden globalen Handels. Welche typischen Globalisierungsargumente hinken? Was läuft falsch im System? Und warum können wir so nicht weitermachen?

Da unser Platz auf Instagram begrenzt ist und wir die Thematik in diesem ersten Beitrag der Reihe deshalb größtenteils von einer Perspektive aufgerollt haben, freuen wir uns hier ganz besonders über deine Ergänzungen, deine Meinung, dein Feedback und deine Kritik! 

Welthandel und Globalisierung – für einen bestimmten Teil der Welt bedeuten diese Worte Fortschritt und Wohlstand. Unzählige Unternehmen der Industriestaaten profitieren davon, indem sie nicht nur günstig Rohstoffe und Früchte aus den Ländern des globalen Südens importieren, sondern auch ihre Produktionsstätten dorthin verlagern – und damit durch das geringere Lohnniveau und die oft sehr schlechten Arbeitsbedingungen viel Geld sparen.

Ihr Vorgehen wird nicht selten mit der Aussage gerechtfertigt, dass die Alternativen für die Arbeiter*innen vor Ort weitaus schlimmer wären – wenig Lohn wäre ja besser als kein Lohn – und dass Globalisierung langfristig allen Beteiligten aus der Armut helfen könne.

Dass dieses Argument höchst zweifelhaft ist, belegen unter anderem Zahlen von Forbes und dem Credit Suisse Research Institute. Auch wenn der Anteil transnationaler Kapitalströme deutlich zugenommen hat, profitieren nicht alle Akteure im gleichen Maße von diesen Entwicklungen. Im Gegenteil: Die Ungleichheitsentwicklung hat zugenommen. Die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung besitzt gemeinsam nicht einmal ein Prozent des globalen Vermögens. An der Spitze der Vermögenverteilung stehen 2.153 Personen, die jeweils über mehr als eine Milliarde US-Dollar Privatvermögen verfügen. Gemeinsam gehört ihnen mehr Vermögen als den unteren 60 Prozent der Weltbevölkerung.

Entwicklung der Armut

Interessant ist in diesem Zusammenhang also nicht nur die Entwicklung des BIPs eines Landes, sondern vor allem die Frage der Verteilung des Wohlstands. 

Laut einer 2019 veröffentlichten Studie von Oxfam können sich immer weniger Menschen aus extremer Armut befreien. Das Tempo, in dem sie abnimmt, habe sich seit 2013 halbiert. In Teilen Afrikas sei die extreme Armut sogar wieder angestiegen. Durch die Corona-Pandemie wird diese Entwicklung massiv verstärkt.

Fatale Folgen für Arbeiter*innen und Umwelt

Die Arbeitsbedingungen, beispielsweise auf brasilianischen oder südafrikanischen Plantagen, in chinesischen Sweat Shops oder in den Minen der rohstoffreichen Republik Kongo, sind bis heute in den meisten Fällen prekär. Schlechte Bezahlung, viel zu lange Arbeitszeiten, Kinderarbeit und mangelnder Arbeitsschutz stehen auf der Tagesordnung. Das kann tödliche Folgen haben, beispielsweise bei Bränden, Erdbeben oder einstürzenden Minen – Bilder und Nachrichten davon erreichen uns jedoch nur selten.

Gleichzeitig hat der globale Handel auch für die Umwelt schwerwiegende Folgen – wenn für Soja, Kokos und Palmöl großflächig Regenwald gerodet wird; beim Abbau von Rohstoffen radioaktive Stoffe und Schwermetalle freigelegt und nicht fachgerecht entsorgt werden; wenn in Textilfabriken und sogenannten Sweat Shops keinerlei Umweltschutzrichtlinien eingehalten werden; und schließlich die Rohstoffe und Konsumgüter mit Flugzeugen und Schiffen in die Länder des globalen Nordens und Westens transportiert werden.

Die Leidtragenden dieser Umweltfolgen sind zunächst die Menschen vor Ort – oft durch schwerwiegende gesundheitliche Folgen, aber auch durch die Zerstörung ihrer Ackerböden und Lebensräume. Langfristig werden es durch die Vergiftung von Meeren, die Rodung des Regenwaldes und die Veränderung des Klimas wir alle sein.

Das Problem des aktuell stattfindenden globalen Handels lässt sich somit – größtenteils – folgendermaßen charakterisieren:

  1. Menschen und Natur, zumeist in den Ländern des globalen Südens, werden unter schlimmsten Bedingungen ausgebeutet, um der hohen Nachfrage nach Konsumgütern der Industriestaaten nachzukommen.
  2. Die Wertschöpfung dieser Produkte liegt größtenteils in den Industriestaaten.
  3. Die unmittelbaren Folgen dieser Ausbeutung liegen jedoch (vorerst) in den Ländern des globalen Südens.

Was muss sich ändern?

Diese traurige Realität kann – meiner Ansicht nach – niemals Teil irgendeiner Lösung sein. Es handelt sich um ein ausbeuterisches System, dessen Spielregeln die Industriestaaten aufgestellt haben und das seit den Kolonialzeiten auf Unterjochung anstatt der so gern propagierten Entwicklungshilfe beruht.

Dass sich etwas an dieser Situation ändern muss, steht außer Frage. Nur wie? Bietet der sogenannte “faire Handel” eine wünschenswerte Alternative? Gibt es ihn wirklich? Welche Rolle spielen Bio-Siegel und Fairtrade? Und was passiert eigentlich gerade mit dem Lieferkettengesetz? Mit diesen Themen beschäftigen wir uns im nächsten Post.

QUELLEN: 
Bundeszentrale für politische Bildung: Ethik und globaler Handel
Bundeszentrale für politische Bildung: Vor- und Nachteile offenen Welthandels
Bundeszentrale für politische Bildung: Rüstungstransfers – Globaler Handel mit Tod und Gewalt
World Inequality Lab: Bericht zur weltweiten Ungleichheit 2018
Credit Suisse Research Institute: Global wealth databook 2019
Forbes (2019): Billionaire’s. The world’s richest.
Oxfam Report (2019): Im Schatten der Profite 

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