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Was wäre wenn es kein Plastik mehr gäbe?

Die Welt hat ein Müllproblem. Und nicht wirklich eine Lösung dafür. In den Ozeanen sammeln sich riesige Mengen Abfall an und bedrohen Tiere und Ökosysteme. Selbst an den entlegensten Orten der Erde lassen sich Plastikrückstände finden. Wie sehen die Lösungsvorschläge für das Umweltproblem aus? Und ist eine Welt ohne Plastik überhaupt möglich?

Auf Instagram finden sich viele Accounts, die sich mit Zero Waste und einem plastikfreien Leben auseinandersetzen. Der Verzicht liegt im Trend. Bei der Idee geht es zwar nicht darum, Plastik komplett abzuschaffen. Vielmehr soll ein Bewusstsein geschaffen werden, der Konsum verschiedener Produkte soll hinterfragt und gleichzeitig Alternativen angeboten werden. Ich habe mich trotzdem gefragt, wie eine Welt ohne Plastik aussehen könnte und ob das überhaupt möglich ist.

Die Eigenschaften von Plastik

Im Jahr 1950 wurden jährlich zwei Millionen Tonnen Plastik hergestellt. Im Jahr 2015 sind es ungefähr 380 Millionen Tonnen. Plastik an sich ist ein faszinierendes Material. Es ist preiswert und lässt sich leicht formen. Außerdem ist Plastik sehr lange haltbar. Dieser Vorteil ist aber auch eines der größten Probleme: Gelangt es erstmal in die Natur, landet es früher oder später im Meer, wo es oftmals von Meerestieren gefressen wird und dort eine lebensbedrohende Gefahr darstellt. Auch die noch nicht ganz geklärten Auswirkungen von Mikroplastik könnten ein Problem darstellen.

In welchen Produkten kommt Plastik überhaupt vor? So gut wie überall. Der Computer, mit dem dieser Text geschrieben wird, besteht größtenteils daraus. Genauso wie das Handy, mit dem er gepostet wird. Plastik befindet sich in Autos und deren Reifen, Salz, Kleber, Zahnfüllungen, sowie in vielen Textilien oder Kosmetika. Die Liste ließe sich unendlich fortführen. Bei der Recherche wird mir schnell klar: Plastik aus allen Bereichen zu verbannen, wird unmöglich sein, auch aufgrund von mangelnden effizienten Alternativen. 

Wo kann man verzichten?

Trotzdem sollte man sich die Bereiche anschauen, in denen ein plastikfreies Leben möglich scheint. Das sind genau die Bereiche, die auch die Zero Waste Bewegung ansprechen möchte. Gerade für Kleidung oder Kosmetika gibt es bereits viele Alternativen oder auch DIYs, um Plastik aus dem Alltag zu verbannen.

In den letzten Jahren ist ein großer Markt an Alternativprodukten entstanden. So wichtig das Ziel, Plastik zu vermeiden, auch ist, diese Entwicklung muss auch unter einem kritischen Aspekt betrachtet werden. Denn für viele Alternativprodukte werden wichtige Ressourcen verschwendet. Dass beispielsweise Papiertüten keine nachhaltige Alternative sind, ein Bambusbecher gesundheitsschädlich oder der Transport von Glasflaschen unter Umständen sehr klimaschädlich sein kann, haben wir vor einiger Zeit in unserer Mythos-Reihe behandelt. Oft ist es daher besser, die Tupperbox so lange wie möglich zu benutzen, bevor man sie durch eine hippe Edelstahl-Dose ersetzt.

Trotzdem gibt es einen sehr sichtbaren Bereich des Plastiks, auf den jeder Mensch Einfluss nehmen kann. 35% des Plastiks sind auf Verpackungen zurückzuführen. Gerade hier hat in letzter Zeit ein Prozess des Umdenkens stattgefunden. Unverpackt-Läden bieten Waren ohne Plastik an, aber auch Discounter reagieren auf den “Trend”. Vor allem beim Gemüse und Obst steigt das unverpackte Angebot. Die Entwicklung zeigt, dass die Diskussionen auch bei den Herstellern ankommen und eine Veränderung bemerkbar ist. 

Plastik in der Politik

Wie sieht das in der Politik aus? Zwar gibt es einen Maßnahmenkatalog der EU, der “Single-Use-Plastic” den Kampf ansagen können. Die ersten Einwegverbote waren die Folge. Die Bestimmungen seien allerdings nicht bindend genug, sagen Kritiker*innen. Japan und die USA verweigerten zum Beispiel die Selbstverpflichtung eines G7-Treffens, 55% ihres Plastikmülls bis 2030 zu recyclen.

Man sieht zumindest, dass das Thema in der politischen Agenda auftaucht, was auch an einem gesteigerten Umweltbewusstsein der Gesellschaft liegen könnte. Laut Prognosen wächst der Plastikverbrauch ungebremst. In den nächsten Jahren soll sich Verbrauch weltweit verdoppeln. Verbote sind hierbei ein Schritt nach vorne, bekämpfen allerdings nur die Symptome.

Welche Lösungsansätze gibt es ?

„Wir müssen bei den Ursachen des Plastikmülls ansetzen, also bei der Herstellung und der Entsorgung”, so Dr. Mark Lenz, Meeresbiologe am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Doch wie sehen konkrete Lösungsvorschläge aus, um diesem Anstieg entgegenzuwirken?

Aus dem Diskussionsformat „Die Debatte“ geht hervor, dass vor allem der Druck auf die Hersteller erhöht werden müsse.

Beispiele hierfür könnten neue Steuern sein, die je nach Ressourcenintensität erhoben werden und somit Anreize schaffen, Kunststoff effizienter einzusetzen. Auch Pfandsysteme, ähnlich dem der PET-Flaschen, werden in dem Format vorgeschlagen. Vor allem letzteres setzt voraus, dass die verschiedenen Maßnahmen von der Gesellschaft getragen werden. Bei dem Verbot der Einwegartikel, das ab 2021 in Kraft tritt, war dies beispielsweise der Fall.

Wichtig ist es vor allem, die Bereiche zu identifizieren, bei denen eine Plastikeinsparung möglich ist. Bei der Verpackungen scheint hier am meisten Potential zu herrschen.

Die deutsche Auslagerung des Plastikproblems

Trotzdem ist das Problem Plastik ein unglaublicher Kosmos, der nicht nur aus der ressoucenreichen Herstellung, sondern vor allem auch aus der Weiterverarbeitung besteht. Gerade dieses Problem wird oft ausgelagert, indem die Plastikberge in andere Länder verschifft werden. Dass das Problem damit nicht gelöst, sondern nur verlagert und verschlimmert wird, zeigt eine Studie des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung.

Demnach sind zehn Flüsse für 90 Prozent des Plastiks in den Meeren verantwortlich – acht der Flüsse liegen in Asien, zwei in Afrika. China hat unlängst einen Importstopp für Plastikmüll erwirkt.

„Bestimmt gibt es andere Länder, die den Müll annehmen und noch weniger umweltgerecht damit umgehen werden. Gleichzeitig hat das Importverbot die Recyclingbranche wachgerüttelt und angeregt, nach intelligenten Lösungen zu suchen. Wichtig ist jetzt, dass sich die Politik dafür einsetzt, das Recycling anzukurbeln und gleichzeitig den Konsum von Plastik zu verringern“,  fasst Dr. Nils Simon, Senior Projektmanager des Think Tanks adelphi, zusammen.

Fazit?

Zusammenfassend kann man sagen, dass bisher viel zu wenig Maßnahmen getroffen werden, um die “Plastikflut” einzudämmen. Vielmehr werden die Probleme ausgelagert und damit vor allem Länder des globalen Südens unter Druck gesetzt. Verbraucher*innen sind nur bedingt handlungsfähig. Der Handlungsbedarf liegt daher vielmehr bei der Politik, die mit Pfandregelungen oder steuerlichen Anreizen eine plastikreduzierte Produktion ermöglichen könnte.

Auch wenn sich zurzeit ein Bewusstsein entwickelt, weniger Produkte mit Plastik zu konsumieren, wird eine plastikfreie Welt  wohl eine Utopie bleiben. Viele Industriezweige werden wohl kaum auf die flexiblen Kunststoffe verzichten können. Die Zero Waste Bewegung zeigt allerdings, dass es viele Bereiche und Wege gibt, Müll und Plastik (im privaten Rahmen) zu vermeiden. Allerdings sind den Verbraucher*innen damit auch klare Grenzen gesetzt. Der Rest liegt, wie so oft, in der Hand von Politik und Hersteller.




QUELLEN:
Science Mag: Production, use, and fate of all plastics ever made // The Chinese import ban and its impact on global plastic waste trade
Die Debatte: Brauchen wir eine Welt ohne Plastik? // „Wir müssen die Freude an der Natur wiedergewinnen” // Plastikmüll – ein Umweltproblem? // 11 Fragen – 11 Antworten //Der alte Kunststoff und das Meer // Milchsee, Butterberg – Plastikinsel? Europa und der Kunststoffmüll // „The Ocean Cleanup bekämpft nur die Symptome” // „Alle modernen Produkte müssen als Dienstleistung betrachtet werden.“ // „Wir haben jetzt die Chance, die Hebel umzulegen.“ // Plastikmüll anderswo – Ein Blick über den Tellerrand // Plastikmüll – Das war die Debatte // Eine Welt ohne Plastik – geht das überhaupt?
Europäische Kommission: Einwegkunststoffprodukte: neue EU-Vorschriften zur Verringerung der Meeresabfälle // A EUROPEAN STRATEGY FOR PLASTICS IN A CIRCULAR ECONOMY
Umweltbundesamt: Kunststoffe – Produktion, Verwendung und Verwertung
Deutsche Welle: Chinas Importstopp: Alter Müll, neue Häfen
EU-Parlament: Wegwerfprodukte aus Plastik: Parlament stimmt für Verbot ab 2021

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