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Das Märchen von der Überbevölkerung

Onkel Herbert ist auch zum Weihnachtsessen eingeladen. Um 18:00 Uhr rollen die schweren SUV-Reifen über den Kies in der Einfahrt. Das Festmahl: Gans aus Massentierhaltung, Rotwein aus Südafrika und nach dem Essen einen Kaffee aus Äthiopien. “Bist du immer noch Veganer?”, fragt Onkel Herbert und reibt sich den Bauch. “Weißt du”, fährt er fort, “das wahre Problem des Klimawandels ist die Überbevölkerung. Schau nach Indien oder Afrika, da leben Milliarden von Menschen. Da kannst du noch so viel Grünzeug essen.”

Früher hätte ich wahrscheinlich still dagesessen und gewartet, bis jemand das Thema wechselt. Aber dieses Jahr ist alles anders. Schließlich habe ich den Instagram-Kanal @nachhaltig.kritisch entdeckt und wie es der Zufall will, wurde da vor ein paar Tagen genau dieses Thema behandelt.

Ich schaue Onkel Herbert in die Augen. “Weißt du, Herbert, was du da sagst, stimmt vorne und hinten nicht.” Er verschluckt sich an seinem Mango-Lassi aus Myanmar und schaut mich herausfordernd an. Und dann lege ich los.

“Wenn du sagst, es gibt zu viele Menschen auf der Welt, dann ist das ein Scheinargument, dass nur so strotzt vor Arroganz und Privilegien.

Dass eine Überbevölkerung für den Klimawandel verantwortlich sein soll, ist eine bequeme Ausrede. Eine Ausrede für die eigene Bequemlichkeit, nichts verändern zu können und zu wollen. Zweitens schwingt bei der Aussage ein ganz gefährliches Narrativ mit und zwar, dass bevölkerungsreiche Länder oder Länder mit hohen Geburtenraten, für die globale Erwärmung verantwortlich seien. Genau das Gegenteil ist aber der Fall. Die Industrienationen sind für 99% der historischen Emissionen verantwortlich. Deutschlands Pro-Kopf-Ausstoß von CO2 ist fünfmal so hoch wie der von Indien. Wenn wir alle so leben würden wie in Deutschland, bräuchten wir von den Ressourcen her drei Erden. In Indien dagegen nur 0,7. Seit jeher nutzen wir die Länder des globalen Südens aus. Und du willst ihnen jetzt den Klimawandel in die Schuhe schieben?” Ich atme kurz durch. Am Tisch ist es mucksmäuschenstill. “Ich gehe kurz den Ofen sauber machen”, murmelt mein Vater und steht auf. “Ich komme mit”, schiebt meine Mutter schnell hinterher und schon sind beide in der Küche verschwunden. Onkel Herbert schaut ihnen wehleidig hinterher.

“Weißt du, was das wahre Problem ist?”, beginne ich wieder. “Man spricht immer nur von Überbevölkerung, wenn man von Ländern des globalen Südens spricht, niemals aber von uns Europäern. Wieso freuen wir uns über steigende Geburtenraten hier, gucken aber besorgt in Richtung Süden?

7% der Weltbevölkerung verursachen 50% des CO2-Ausstoßes. Die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung verursacht nur 7% der Emissionen. Das Argument der Überbevölkerung ist eines, welches die Schuld der Industrienationen entlasten soll. Dabei wird die Schuld auf jene gelenkt, die wenig Anteil am Klimawandel haben und dennoch sehr stark davon betroffen sein werden. In Wirklichkeit sind aber unser Konsumverhalten und unsere immensen Emissionen für die Erderwärmung ausschlaggebend.

Wir sind es, die umdenken müssen. Nicht die Überbevölkerung ist das Problem, sondern die kapitalistische Konsumgesellschaft des globalen Nordens.” Herbert schluckt, er wusste nicht einmal, dass ich solche Worte überhaupt kenne. Ich bin aber noch nicht fertig: “Ich glaube du hast insofern recht, dass die steigenden Bevölkerungszahlen uns noch vor große Herausforderungen stellen werden. Mit Sicherheit werden Verteilungskämpfe und mit Hinblick auf die Klimakatastrophe auch Fluchtbewegungen eine Folge sein. Und ich gebe dir auch Recht, dass mehr Menschen auf der Welt das Klima stärker beeinflussen als weniger Menschen. Trotzdem fällt der Lebensstil mehr ins Gewicht als die Anzahl der Menschen auf diesem Planeten. Übrigens wäre es laut der EAT-Lancet Commission möglich, 10 Milliarden Menschen zu ernähren. Dafür müsste aber der Fleischkonsum mehr als halbiert und der Gemüse- und Fruchtverzehr verdoppelt werden. Also um deine Frage vom Anfang zu beantworten: Ja, ich bin immer noch Veganer. UND DAS GRÜNZEUG NENNT SICH BROKKOLICREMESUPPE!!!1elf1eins!!!!!”

Ich erhebe mich von meinem Stuhl, mache noch drei Backflips und helfe meinen Eltern, den Ofen sauberzumachen. Onkel Herbert stellt seinen SUV bei mobile.de ein und kauft sich ein gebrauchtes Lastenrad.

Frohe Weihnachten.

ENDE


PS: Ob wir im realen Leben auch so schlagfertig wären, sei mal dahingestellt.

QUELLEN:
Die Aussage “Die Industrienationen sind für 99% der historischen Emissionen verantwortlich“ bezieht sich aus dem Bericht “G20 and climate change – time to lead for a better future”.
Die Pro-Kopf-Ausstöße sind entnommen aus dem EU-Bericht: “Fossil CO2 and GHG emissions of all world countries”.
Die Zahlen der ungleichen Verteilung der CO2-Emissionen stammt aus dem aktuellen Oxfam-Bericht: CONFRONTING CARBON INEQUALITY. Der angesprochene Bericht der EAT-Lancet-Comission trägt den Titel: Healthy Diets From Sustainable Food Systems: Food Planet Health.

Ein Gedanke zu „Das Märchen von der Überbevölkerung“

  1. Leider falsch.
    Es stimmt zwar, dass wir die meisten Ressourcen verbrauchen. Es ist aber auch wahr, dass die Migration zeigt, dass arme Menschen unseren Standard erreichen wollen und ihnen ist dabei die Umwelt recht egal. Das Problem löst sich daher nicht.
    Bewusste Handhabung der Ressourcen ist wichtig und essentiell aber so ist die Reduktion der Bevölkerung, und zwar nicht ganz entspannt über Jahrzente sondern jetzt. Wie grausam das auch ist, China lag mit der 1 Kind Politik völlig richtig.
    Wollen wir die Menschheit und die Erde retten, kommt nichts an diesen Schritte vorbei:

    1) Zwangssterilisation in Afrika und Indien bei Frauen und Männer unter der Armutgrenze
    2) 1 Kind Politik in überbevölkerte Länder
    3) Verbot von nicht palliativen medizinischen Massnahmen für Menschen über 80.
    4) Verbot von Plastik bei nicht medizinische oder hygienischverpackte Produkte (Kosmetik , Körperpflege, Obst, Gemüse, Spielzeuge, Gadgets, Kleidung etc).
    5) drastische Reduktion der Fleischproduktion. Man muss nicht vegan werden sondern nur die Produktion extrem reduzieren.
    6) Investitionen in Wasserstoff und sofortiger Verbot für die Produktion von Benzin und Dieselfahrzeuge.

    Klingt es wie eine Diktaktur? Das stimmt. Aber entweder so oder die Erde ist bald hin.

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