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“Haben oder Sein”: Was in unserer Gesellschaft schief läuft.

Ich habe kürzlich „Haben oder Sein“ von Erich Fromm gelesen – das bekannteste sozialpsychologische Werk des deutschen Psychoanalytikers, der 1933 nach Amerika emigrierte. Neben vielen Aspekten, die ich daraus mitnehmen konnte, hat mich vor allem eins überrascht: Seine extreme Weitsicht und die Klarheit bezüglich gesellschaftlicher Probleme, die eine ökologische Katastrophe begünstigen. Tatsächlich gilt Haben oder Sein als einer der Gründungstexte der ökologischen Bewegung. Fromms wichtigste Punkte und Lösungsansätze habe ich euch in diesem Beitrag zusammengefasst. Viel Spaß!

Wir alle wissen, in unserer Gesellschaft läuft momentan einiges schief. Warum können wir nicht einmal an einem Strang ziehen, wenn es darum geht, unser Überleben als Menschheit zu sichern und eine ökologische Katastrophe zu verhindern? Warum stehen Wirtschaft und Geld so oft über Menschlichkeit und Fairness und das Individuum vor dem Kollektiv? Warum spielt Macht in der Politik so eine große Rolle und Nächstenliebe so eine kleine? Der Psychoanalytiker Erich Fromm findet dafür in seinem Werk „Haben oder Sein“ einige Erklärungen. Das Interessante daran: Obwohl er das Buch 1976 veröffentlicht hat, ist es in seinen Grundsätzen aktuell wie eh und je.

Die Orientierung am Haben

Wie der Name schon verrät, beschreibt Erich Fromm in seinem Buch zwei unterschiedliche Existenzweisen: Die des Habens und die des Seins. Eine Orientierung am Haben, wie sie laut Fromm in der Gesellschaft vorherrscht, zeichnet sich durch das Streben nach Profit und Besitz aus. Letzteres kann sich dabei in vielen verschiedenen Facetten äußern: Am Erwerb und Besitz von privaten Konsumgütern, danach, eine/n Partner/in, Kinder oder eine bestimmte Religion zu „haben“, Wissen und Erinnerungen zu „besitzen“. Ein am Haben orientierter Mensch definiert sich darüber, ob er diese Dinge „hat“ oder eben nicht. Auch das Streben nach kurzfristigem Vergnügen fügt sich laut Fromm in diese Reihe ein.

Aus heutiger Sicht kann hierzu beispielsweise der perfekte Social Media Auftritt kommen; Fotos, die einen interessanten, lebensfrohen und perfekt in Szene gesetzten Menschen beim Erleben aufregender Momente zeigen.

Das “Sein”

Eine Orientierung am Sein steht dieser Beschreibung gegenüber. Hier geht es um Lebendigkeit, Unabhängigkeit, Freiheit und kritische Vernunft. Der Mensch im Seinsmodus ist aktiv, aber nicht im Sinne von „geschäftig“, sondern im Sinne von „tätig“. Beim Tätigsein hat man einen Bezug zu dem, was man erschafft, die Beziehung dazu bleibt lebendig und die eigene Aktivität wird somit nicht entfremdet. 

Wenn ich bin, der ich bin, und nicht, was ich habe, kann mich niemand berauben oder meine Sicherheit und mein Identitätsgefühl bedrohen. Mein Zentrum ist in mir selbst.“

Heutzutage sind wir nun an dem Punkt, an dem ein Umdenken und eine Umorientierung hin zum Sein nicht nur zum persönlichen Glück und zur eigenen Erfüllung führen kann – erstmals hängt auch das Überleben der Menschheit davon ab, dass sich der Gesellschaftscharakter des Menschen ändert. Denn mit unser egoistischen Lebensweise zerstören wir auch unsere Lebensgrundlage.

Fromms’ Lösungsansätze

In „Haben oder Sein“ verlangt Erich Fromm deshalb einen radikalen Bruch mit den alten Gewohnheiten. Er führt verschiedene Lösungsansätze aus, wie eine am Sein orientierte Gesellschaft aussehen und funktionieren könnte. Er betont dabei, dass zunächst der Gesellschaftscharakter sich ändern müsse, damit die Bedingungen gegeben sind, dass sich auch einzelne Menschen in ihrer Einstellung ändern können. 

Fromm plädiert als neuen Geist der Gesellschaft für einen radikalen Humanismus, der sich unter anderem durch Folgendes auszeichnet:

1.      die Arbeit habe der Erfüllung der wahren Bedürfnisse des Menschen und nicht den Erfordernissen der Wirtschaft zu dienen

2.      das Verhältnis der Ausbeutung der Natur durch den Menschen wird durch das der Kooperation zwischen Mensch und Natur ersetzt

3.      oberste Ziele des gesellschaftlichen Arrangements ist das menschliche Wohlsein und die Verhinderung menschlichen Leids

4.      maximaler Konsum wird durch einen vernünftigen Konsum (Konsum zum Wohle des Menschen) ersetzt

5.      der einzelne Mensch wird zur aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben motiviert

Um diese Forderungen umzusetzen, zeichnet Fromm ein konkretes Bild von einer Gesellschaft, die sich der Existenzweise des Seins zuneigt. Wirtschaft und Politik sind hierbei weitgehend dezentralisiert: Menschen leben in sogenannten Nachbarschaftsgruppen zusammen und ein „Oberster Kulturrat“ kontrolliert Medien, Forschung und Entwicklung so neutral wie möglich. Dieser Aufsichtsrat sollte sich nach Fromms Empfehlung aus „Männern und Frauen, deren Integrität über jeden Zweifel erhaben ist“, zusammensetzen.

Ziel davon soll zum Beispiel sein, dass dadurch „Profit und militärische Nutzbarkeit“ in der wissenschaftlichen Forschung minimiert werden. Weitere Aspekte der neuen Gesellschaft sind die Ausrichtung der Produktion von Gütern an einem vernünftigen Konsum, gut organisierte Verbraucherbewegungen, die Schließung der Kluft zwischen armen und reichen Nationen, ein Mindesteinkommen (vergleichbar mit dem heute diskutierten Grundeinkommen) und atomare Abrüstung.

Ihr seid dran…

Was haltet ihr von Fromms Vorstellung einer neuen Gesellschaft? Ist eine Umorientierung unserer Gesellschaft vom Haben zum Sein zu einem gewissen Grad realistisch oder reine Utopie? Wir sind gespannt auf eure Meinungen.

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