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“Label und Siegel können das Handelssystem nicht fairer machen”

Carolin Schaar arbeitet bei der Gebana AG, einem Schweizer Unternehmen, das sich als „Pionierin für fairen Handel“ bezeichnet. Wir haben mit ihr im Interview über den fairen Handel gesprochen – was er sein könnte, welche Missverständnisse es gibt, und welche Spielregeln des globalen Handels grundlegend verändert werden müssen.

Wir sind keine Kooperation mit der gebana AG eingegangen und haben somit auch kein Geld für diesen Beitrag bekommen. Das Unternehmen bekommt in diesem Beitrag eine Plattform, weil es einige Dinge grundlegend anders angeht und anders sieht – und damit aus unserer Sicht zeigt, dass das System Handel durchaus fähig ist, sich weiterzuentwickeln.

Was bedeutet “Fairer Handel” für dich?

“Ein Idealbild von fairem Handel wäre, wenn alle an der Wertschöpfungskette Beteiligten an einem Tisch sitzen und gemeinsam über die Bedingungen und Preise entscheiden würden.

Das gibt es aber leider fast nie. Deshalb ist die oberste Priorität, sich ständig weiter zu verbessern, nie stillzustehen und sich immer zu fragen: Wo kann man die Bedingungen für alle Beteiligten noch fairer machen?

Fair bedeutet hier: gerechter sowohl für die lokale Bevölkerung, dennoch natürlich auch wirtschaftlich sinnvoll, auch auch nachhaltig und im Sinne der Umwelt.”

Wäre es in diesem Kontext nicht sinnvoll, nur den regionalen Handel zu fördern?

“Regionale Ernährung ist sehr sinnvoll, wenn saisonal gerade viel davon verfügbar ist. Es macht aber ökologisch Sinn, gerade im Winter auf bestimmte saisonale Produkte aus anderen Ländern zurückzugreifen. Dazu gibt es auf dem gebana-Blog den Beitrag Weltweit Saisonal.

Aus sozialer Sicht kann der globale Handel unter den richtigen Bedingungen eine Chance für wirtschaftlich benachteiligtere Länder sein und positive Effekte nach sich ziehen, die auch außerhalb des wirtschaftlichen Wachstums liegen.

Das funktioniert aber nicht, wenn die großen Unternehmen im globalen Norden am längeren Hebel sitzen.”

Was sind Missverständnisse des “fairen Handels”?

“Ein Missverständnis ist, dass der Markt die Politik ersetzen kann. Wenn man sich die Vision von Fairtrade ansieht, dann steht da:

Fairtrade hat eine Welt zum Ziel, in der alle Kleinbäuerinnen und -bauern sowie Arbeiterinnen und Arbeiter über existenzsichernde Lebensgrundlagen verfügen, ihre Potenziale zu entfalten und ihre Zukunft selbstbestimmt gestalten können.

Das ist Wunschdenken. In einem autokratischen Staat kann der Handel nicht dafür sorgen, dass Menschen selbstbestimmt leben können. Ein bisschen fairer Handel ändert auch nichts an multilateralen Abkommen oder dem Protektionismus reicher Länder.

Ein weiteres Missverständnis ist, dass der faire Handel das Handelssystem fairer machen kann. Fairtrade ändert aber das System nicht.

Was für ein Label ja auch immer passieren muss, ist eine Standardisierung des Begriffs fair zur Umsetzung im konventionellen System. Diese Standards werden dann von großen Unternehmen, die auch auf den “Fairtrade”-Zug aufspringen wollen, weil es eben gerade hip ist, auf die Mindestkriterien hin nach unten nivelliert.

Der oder die Kund*in kauft sich mit dem Siegel dann ein gutes Gewissen und beschäftigt sich oft nicht weiter damit. Um etwas zu verändern, müssen Kund*innen unserer Ansicht nach aber zu Aktivist*innen werden.”

Siegel sind also nicht die Lösung?

“Natürlich ist es als Unternehmen besser, Fairtrade-Standards einzuhalten als gar keine einzuhalten. Wir glauben aber, dass es eine dynamische Annäherung an einen immer faireren Handel geben muss. Das bedeutet: Standards sind effektiv, aber wir dürfen uns nicht darauf ausruhen.

Was muss sich noch ändern im globalen Handel?

Zum Beispiel die unausgesprochene Regel The winner takes it all. Bei gebana teilen wir den Gewinn, den Umsatz, aber auch das Risiko. Entsteht bei gebana Gewinn, so teilen wir ihn mit unseren Investor*innen, Mitarbeitenden und unseren Kund*innen, z.B. über Rabatte im Online-Shop. Für unsere Mitarbeitenden, die sich größtenteils im globalen Süden befinden, macht die Gewinnbeteiligung sehr viel aus.”

Quelle: gebana AG

Vor einem Jahr haben wir außerdem schrittweise damit begonnen, am Ende des Jahres zusätzlich 10 Prozent des Produktumsatzes im Norden an die Bäuer*innen zurückzugeben. Wir nehmen also zum Beispiel den gesamten Jahresumsatz von allen Cashews und teilen 10 Prozent davon auf alle Bäuer*innen auf, die Cashews an uns geliefert haben.

Je nach Menge ist das für sie oft wie ein dreizehntes Gehalt. Das ist ein riesiger Unterschied zu herkömmlichen Modellen wie Bio und Fairtrade, wo auf den sehr geringen Einkaufspreis noch einmal fünf Prozent oder eine kleine Prämie draufgeschlagen werden. 10 Prozent des Umsatzes von Produkten, die hierzulande verkauft wurden, fallen da einfach mehr ins Gewicht.”

Oft findet die eigentliche Wertschöpfung von exotischen Früchten, Nüssen etc. im globalen Norden statt. Was ist eure Position dazu?

“Unser Anspruch ist, dass so viel Wertschöpfung wie möglich im Ursprungsland stattfindet. Die direkte Zusammenarbeit und Bezahlung von Bauernfamilien ist essenziell, aber oft auch eine Herausforderung. Wir investieren auch in die lokale Verarbeitung, z.B. Sortierung, Trocknung und Verpackung.

So werden 65 Prozent unserer Produkte nie umgepackt. Auf diese Weise schaffen wir Arbeitsplätze, wo sie dringend benötigt werden. Dass so viele unserer Produkte vor Ort verpackt werden, ist auch der Grund, warum unsere Verpackungen überhaupt nicht fancy aussehen. Sie erfüllen einfach ihren Zweck und sind möglichst luftdicht verpackt.”

Auf eurer Seite kann man heute schon Orangen für Dezember vorbestellen. Wieso sollte man das jetzt schon tun, und wieso gibt es kein genaues Lieferdatum?

“Den Bäuer*innen vor Ort gibt es enorme Planungssicherheit, wenn sie bereits jetzt wissen, wie viele Orangen wir abnehmen werden. Durch das Vorbestellungsprinzip entsteht auch kein Foodwaste, weil wir nur das bestellen, was angefragt wurde. Und es wird CO2 gespart, weil wir die Produkte dann nicht zwischenlagern.

Das Lieferdatum können wir nicht exakt vorhersagen, weil die Orangen ganz einfach dann geerntet werden, wenn sie reif sind. Nature is Queen. Sinnlose Standards spielen bei uns keine Rolle. Was zählt, sind Qualität und Geschmack.




QUELLE:
Video-Interview mit Carolin Schaar am 26.10.2020

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