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Nie war ein Silvesterfeuerwerk überflüssiger als in diesem Jahr.

The same procedure as every year? Die Feuerwerk-Diskussion nimmt gerade richtig Fahrt auf und die Argumente sind dabei seit Jahren dieselben. “Nicht mehr zeitgemäß” brüllt das eine Lager, “Tradition” das andere. Durch Corona ergibt sich allerdings eine völlig neue Situation. Ist die Pandemie der letzte Sargnagel für die Knaller?

Das Böllerverbot wird Jahr für Jahr hitzig debattiert. Weil die Argumente der beiden Seiten seit Jahren gleich sind, fühlt man sich manchmal wie in einer Zeitschleife. Doch dieses Jahr nimmt auch Corona Einfluss auf die Diskussion und schafft eine neue Grundlage für Argumente.

Zugegeben. Ein professionelles Silvesterfeuerwerk kann magisch aussehen. Für viele Menschen gehört es dazu, das vergangene Jahr mit einem lauten Knall hinter sich zu lassen. Gerade in diesem Jahr sollte das Bedürfnis noch größer sein. 

Neben der (subjektiven) Ästhetik hängen auch tausende Jobs an der Feuerwerk-Industrie. Allein in Deutschland wurden mit den Knallkörpern im letzten Jahr 122 Millionen Euro Umsatz erzielt. Sollte dieses Jahr ein Feuerwerksverbot durchgesetzt werden, würde das wohl die Insolvenz vieler Hersteller bedeuten. Die Lager würden in diesen Jahren voll bleiben und die Produktion für ein Jahr stillstehen. Für eine Industrie, die ihren Umsatz fast ausschließlich in den letzten Tagen des Jahres macht, wäre das der Todesstoß.

Die Feuerwerk-Kritiker*innen argumentieren vor allem mit Hinblick auf die Auswirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt. Vor allem in Ballungsräumen erreicht die Feinstaub-Belastung in der Silvesternacht ihr Jahreshoch. Das Umweltbundesamt errechnete unlängst, dass jedes Jahr 4.200 Tonnen Feinstaub durch Feuerwerkskörper freigesetzt werden. Eine neuere Studie, die vom Industrieverband der Pyroindustrie in Auftrag gegeben wurde, errechnete in Laborversuchen lediglich einen Ausstoß von 1.477 Tonnen. Fest steht jedenfalls eins: Schon eine temporäre Belastung von Feinstaub kann Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Die feinen Partikel können in die Lunge gelangen und Atembeschwerden auslösen.

Zudem verschmutzen die Überbleibsel der Knallerei die Natur. Alleine in den fünf größten Städten Deutschlands müssen laut VKU* (*Verband kommunaler Unternehmen) jedes Jahr ungefähr 191 Tonnen Silvestermüll entfernt werden. Was nicht entsorgt wird, landet in der Natur. Die chemischen Reste der Raketen können unter Umständen umliegende Böden und Flüsse verunreinigen.

Wenn Tiere ein Abstimmungsrecht hätten, wäre das Feuerwerk wohl schon längst Geschichte. Nicht nur viele Haustiere leiden in der Silvesternacht an den lauten und bunten Böllern; auch für viele Wildtiere und vor allem für Vögel ist die Nacht eine psychische Belastung.

Auch wenn die Auswirkungen des Silvesterfeuerwerks selbst auf das Klima wohl eher gering sind und nur ein Millionstel des CO2-Jahresausstoßes ausmachen, gibt es auch hier einen interessanten Aspekt, der ins Gewicht fallen könnte. Im Jahr 2018 wurden insgesamt 47.400 Tonnen Feuerwerkskörper importiert. 98% davon stammen aus China und haben eine lange Reise hinter sich – schon allein deshalb lässt die CO2-Bilanz der Knallkörper sicherlich zu wünschen übrig.

Welchen Einfluss hat Corona auf die Diskussion?

Dass die Arbeitsbedingungen in deutschen Krankenhäusern derzeit erschwert sind und das Personal überlastet ist, sollte uns allen bewusst sein. Nun soll Silvester hinzukommen, die Nacht, in der sich so viele Menschen verletzen und die Notaufnahme aufsuchen wie sonst in keiner anderen Nacht des Jahres. Kann das Pflegepersonal, das dieses Jahr bereits einer unglaublichen Mehrbelastung ausgesetzt ist, durch ein Böllerverbot entlastet werden? 

Zumindest in den Niederlanden ist genau dies der Grund für ein vollständiges Verbot. Da die Kapazitäten der Krankenhäuser bereits stark strapaziert sind, wird es im Nachbarland ein Verkaufs- und Zündverbot geben.

Laut einer Umfrage von YouGov haben 64% der Deutschen bisher keine Pläne für Silvester. Sind die Sorgen von überfüllten Krankenhäusern überhaupt berechtigt, wenn viele überhaupt nicht feiern gehen?

Ganz abgesehen davon, ob Feuerwerk verboten wird, ist auch die Umsetzbarkeit ein wichtiger Faktor. Ein Verkaufsverbot wird die Nutzung von illegalen Knallern nicht verhindern. Ein Böllerverbot ist zudem kaum zu kontrollieren.

Wie seht ihr das? Ist ein Verbot in Zeiten von Corona zwingend notwendig oder kann auch Eigenverantwortung und weniger Feiern die Krankenhäuser entlasten?



QUELLEN:
Umweltbundesamt: https://www.umweltbundesamt.de/themen/dicke-luft-jahreswechsel
VPI: https://www.feuerwerk-vpi.de/presse/artikel/news/silvesterfeuerwerk-vpi-veroeffentlicht-ergebnisse-seiner-feinstaubstudie/
Tagesschau: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/feuerwerk-import-101.html#:~:text=Mehr%20als%2047.000%20Tonnen%20Feuerwerksk%C3%B6rper%20wurden%20im%20vergangenen%20Jahr%20importiert.&text=Im%20vergangenen%20Jahr%20wurde%20die,teilte%20das%20Statistische%20Bundesamt%20mit.
Tagesschau: https://www.tagesschau.de/ausland/niederlande-feuerwerksverbot-101.html

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