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Richard David Precht: „Unsere Art, zu wirtschaften, hat keine Zukunft.“

Wie kommen wir von einer sozialen Marktwirtschaft hin zu einer sozialen und nachhaltigen Marktwirtschaft? Das könnte mit die wichtigste Frage unserer Generation sein. Ich habe mir in diesem Beitrag einige Positionen und Vorschläge aus der Philosophie und der Wissenschaft angeschaut.

„Unsere Art, zu wirtschaften, hat keine Zukunft.“ Mit diesen Worten eröffnet der Philosoph und Publizist Richard David Precht ein Interview mit Prof. Maja Göpel, Mitbegründerin von Scientists for Future, Politökonomin und Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung „Globale Umweltveränderungen“.

Gemeint ist damit zum Beispiel der Fokus der Wirtschaft und Politik auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Erfolgsindikator. Das Problem dabei: Wenn man nur das rein quantitative Wachstum der Wirtschaft in seine Erfolgsbilanz miteinbezieht, rechnet man sich die Gleichung schön. Das BIP zeigt nicht, wie viele Ressourcen der Erde für das wie auch immer geartete Wachstum aufgebraucht wurden. Es zeigt nicht, wie viel Emissionen ausgestoßen wurden. Und es zeigt schon gar nicht, ob dieses Wachstum auch zu gesamtgesellschaftlichem Wohlstand beigetragen hat.

Warum sind wir trotz dieser offensichtlichen Schwächen nach wie vor so auf das wirtschaftliche Wachstum fixiert?

Richard David Precht formuliert es in dem Interview so:

„Wenn man sich die Regierungserklärung ich nehme an aller europäischen Regierungschefs anschaut, und jede Regierungserklärung die Angela Merkel bisher abgegeben hat, ist immer das Wichtigste das Wachstum. Und zwar deswegen, weil unser gesamtes Wirtschaftssystem von diesem Wachstum anhängig ist. Hätten wir kein Wachstum zwischen ein oder zwei Prozent, würden unsere sozialen Sicherungssysteme nicht mehr funktionieren. Wir sind vollständig auf dieses Wachstum angewiesen.“ (Interview Minute 07:58-08:17)

Für Maja Göpel steckt hinter dem Konzept des Wachstums außerdem auch ein gesellschaftlicher und sozialer Aspekt. Sobald man beispielsweise beschließe, nicht mehr wirtschaftlich zu wachsen, müsse man sich auch ganz anders mit Verteilungsfragen beschäftigen. „So lange ich versprechen kann, der Kuchen wächst weiter und übermorgen kriegst du auch mehr ab, frage ich nicht ganz so doll: Warum hat denn der so viel und ich so wenig.“ (Interview Minute 09:20-09:26)

Die soziale Frage schwingt auch im Konzept von Umweltsteuern und Umweltlizenzen mit. Kann es wirklich eine langfristige Lösung sein, dass ein privilegierter Teil der Bevölkerung nach wie vor sinnlos mit Yachten und Privatflugzeugen durch die Welt jetten darf, weil sie sich die Verschmutzung eben leisten können?

Maja Göpel beantwortet diese Frage mit einem klaren Nein. Es sei wichtig, die ökologische Frage nicht von der sozialen Frage zu trennen. Würde man die Sache komplett liberal angehen, so müsste auf lange Sicht jede*r Erdenbürger*in das gleiche „Kontingent“ an CO2-Emissionen bekommen, die er oder sie im Laufe seines Lebens verbrauchen dürfe.

Für Durchschnittsdeutsche würde das bedeuten, nur noch einen Bruchteil ihres jetzigen Verbrauchs nutzen zu können und so den eigenen Lebensstandard extrem herunterfahren zu müssen – ein Wandel, den die Mehrheit momentan wahrscheinlich nicht befürworten würde.

Unsere Gesellschaft braucht derzeit aber vor allem auch schnelle Lösungen für einen immer weiter fortschreitenden Klimawandel. Kann freiwilliger Verzicht der Bevölkerung hier eine Rolle spielen oder brauchen wir ganz einfach strengere Regeln?

Ökosteuern mit Rückverteilung?

Solange man sich in einem Modell der Marktwirtschaft bewegt, scheint man um ein Preis für Verschmutzung und Verbrauch nicht vorbeizukommen, um schnelle Ergebnisse zu erzielen. Das Modell der Ökosozialen Marktwirtschaft geht jedoch davon aus, die Ökosteuern mit einem sogenannten Ökobonus-Prinzip zu etwa je einem Drittel rückzuverteilen und so beispielsweise den Umstieg auf energieeffizientere Geräte zu erleichtern. Besonders stark wird in dem Modell auf die Empfänger*innen von Transferleistungen Rücksicht genommen werden, die alle Steuern zurückbekämen.

Strikte Verbote könnten hilfreich sein

Richard David Precht vertritt zudem die Ansicht, dass auch Verbote hilfreich und notwendig sein werden, um den gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben. Gegenüber der Augsburger Allgemeinen Zeitung sagte er: „Die Menschen lieben Verbote. Das ist etwas, was Politiker nicht verstehen. Die meisten Leute sind natürlich erst einmal dagegen, aber nachher sind sie froh, dass es die Verbote gibt.“ Das habe sich etwa beim Rauchverbot gezeigt. Anfangs sei die Mehrheit gegen das Rauchverbot gewesen, inzwischen sei es unvorstellbar, dass man früher überall rauchen durfte.

Mehr Bewusstsein in der Bevölkerung schaffen

Laut Erhebungen des Umweltbundesamts ist das Bewusstsein für Umweltthemen in der Bevölkerung in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Zudem meinten nur 18 Prozent der Befragten 2019, dass die Bundesregierung genug für den Umwelt- und Klimaschutz tue.

Dennoch: Derzeit könnten drastische Maßnahmen der Politik gefährliche Folgen wie einen weiteren Rechtsruck der Gesellschaft zur Folge haben. Je mehr Menschen sich für Umweltschutz einsetzen, desto mehr legitimiert das die Politik auch, entsprechend zu handeln.

QUELLEN:
ZDF Mediathek: Ökonomie und Ökologie – Ein Widerspruch?
Precht im Gespräch mit Maja Göpel, Scientists for Future
Umweltbundesamt: Umweltbewusstsein in Deutschland
Augsburger Allgemeine Zeitung: Richard David Precht: “Die Menschen lieben Verbote”
FORUM ÖKOLOGISCH-SOZIALE MARKTWIRTSCHAFT GREEN BUDGET GERMANY: SOZIAL AUSGESTALTETE ÖKOLOGISCHE FINANZREFORM

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