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Wer hat Schuld an Corona? Ein Kommentar.

Schon vor einiger Zeit habe ich den Bild-Artikel mit dem Titel “Fledermäuse ausrotten!” gelesen, der sogar für Bild-Niveau echt ziemlich miserabel war. Trotzdem hat er mich zum Nachdenken gebracht. In der Folge ist dieser Kommentar entstanden, der an Aktualität bisher noch nichts eingebüßt hat.

Als ich am Wochenende eine sehr belebte Straße in Leipzig entlangradelte und den Trubel und die vollen Bars sah, verspürte ich das erste Mal so etwas wie Normalität. Ein Gefühl, dass man vor der Corona-Krise gar nicht so richtig wahrgenommen hat, auch wenn es jetzt etwas trügerisch war. 

Zu groß ist bei mir persönlich die Angst, dass es auch in Deutschland noch zu einem schweren Ausbruch, wie beispielsweise in Teilen Italiens, Spaniens oder den USA, kommen könnte. Und genau diese diffuse Angst begleitet mich und sicherlich auch viele andere Menschen durch die gesamte Krise.

Ein Ende ist nicht wirklich abzusehen und niemand weiß, was als nächstes passiert. Das macht diese Ausnahmesituation so bedrückend.

Die alte Frage nach der Schuld

Genau in diesen ungewissen Zeiten, die für jeden so einschneidende Konsequenzen mit sich bringt, fragen sich viele, wie ich auch: Wer hat eigentlich Schuld an der Misere? Zwar ist die Frage nach der Schuld eine wenig gewinnbringende. Für die Gesellschaft, Politiker*innen und auch Medien ist sie dennoch entscheidend.

Trump schiebt China die Schuld in die Schuhe, und auch für Hans-Günther auf Facebook ist es ganz offensichtlich: Bill Gates war es und vielleicht ein bisschen Angela Merkel. Oder 5G! Das sagt zum mindestens der Typ auf Youtube. 

Da ich eher ein faktenbasierter Mensch bin und Wissenschaftler*innen auf diesem Gebiet mehr Glauben schenke als Absolvent*innen der Youtube-Universität, gehe ich zurzeit von der Annahme aus, dass das Virus durch eine Zoonose entstanden ist. Also durch die Übertragung eines Tieres auf den Menschen. (Und diese derzeitige Annahme stelle ich hier auch nicht zur Diskussion.)

Taugt ein Gürteltier oder eine Fledermaus als Feindbild?

“Fledermäuse ausrotten?” Die BILD-Zeitung stellt diese Frage in einem Artikel aus dem April. Die Zeitung bezieht sich auf eine Aussage des amerikanischen Uni-Profs Scott Galloway, der sich eigentlich nur die Frage stellt, ob man beispielsweise über eine Limitierung der Fledermausbestände oder auch um ein Verbot des Verzehrs nachdenken sollte.

Um allerdings tatsächlich so etwas wie einen Schuldigen zu finden, sollte man vielleicht ganz vorne anfangen. Die Zoonosen, also Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen überspringen, verbreiten sich nämlich nicht durch rücksichtslose Fledermäuse.

Die Ursache von Zoonosen

Der Kontakt zwischen Mensch und Tier ist nämlich einer, der vor allem durch menschliches Zutun entsteht.

Durch Wildtierhandel oder Ausbeutung und Massentierhaltung kommen die Tiere in einen engen Kontakt mit dem Menschen. Auch Rodungen unterstützen die Entstehung von Zoonosen. Jeder zerstörte Lebensraum zwingt viele Tiere zur Flucht. Sie müssen daher in neue Territorien, in dem sie dann notgedrungen auf Tiere treffen, denen sie vorher erfolgreich aus dem Weg gehen konnten. Durch die Lebensraumzerstörung kommt auch der Mensch häufiger mit Tieren in Kontakt, die uns vorher erfolgreich meiden konnten. Über die sogenannten “Wet Markets” muss ebenfalls diskutiert werden, wird doch der Ursprung einiger Zoonosen auf diese Märkte zurückgeführt. 

Kann man also die Tiere, die auf diesen Nassmärkten geschlachtet werden, für die Pandemie verantwortlich machen? Das ist natürlich absoluter Humbug. Der Mensch trifft Entscheidungen, die er beeinflussen kann. Das Tier hingegen wäre mit ziemlicher Sicherheit nicht auf einem dieser Märkte gelandet, hätte es die Wahl gehabt.

Wie können sich also Zoonosen und damit auch potenzielle Pandemien in Zukunft vermeiden lassen? Meiner Meinung nach muss das System hinterfragt werden, welches immer wieder den engen Kontakt dieser Tiere mit dem Menschen ermöglicht. Massentierhaltung und Fleischkonsum begünstigt Pandemien.

Der Zeigefinger kann unten bleiben

Wenn sich daran nichts ändert, müssen wir uns auch an diese Krankheiten “gewöhnen”: Die Lebendtier-Märkte in Asien haben wieder geöffnet, die Regenwaldrodung ist auf Rekordhoch und auch die heimischen Schlachthöfe als Corona-Hotspots zeigen, dass die Hygiene und die Arbeitsbedingungen katastrophal sind. Das sieht nicht wirklich nach einer grundlegenden Änderung aus.

Ich denke trotzdem, dass es falsch ist, mit dem Finger auf andere zu zeigen und ganze Länder oder Kontinente für die Pandemie verantwortlich machen. Vielmehr sollten wir in eine lösungsorientierte Zukunft schauen und uns überlegen, wie wir das Pandemie-Risiko minimieren können.

Eine Ausrottung krankheitsübertragender Tiere ist dafür allerdings keine Lösung. Das wurde in China übrigens bereits versucht. 1958 ordnete der damalige Staatspräsident Mao Zedong an, den Spatz auszurotten, da er die Landwirtschaft störe. In einer beispiellosen Aktion wurden tagelang Spatzen gejagt. Das Problem war nur, die Spatzen ernährten sich auch von Insekten. Die Säuberungsaktion resultierte in einer Heuschreckenplage biblischen Ausmaßes, die Millionen von Hungertoten zur Folge hatte.

Auch Fledermäuse sind, wie damals die Spatzen, für unser Ökosystem wichtig: Sie ernähren sich von Pflanzenschädlingen, bestäuben Blüten und verbreiten Samen.

Die Hoffnung bleibt, dass wir vielleicht doch mehr aus der Krise gelernt haben, als nur richtig Hände zu waschen.



QUELLEN:
BILD: WILDTIERMÄRKTE ENDLICH ABSCHAFFEN? Fragen, die wir China stellen müssen *Anmerkung: Bild hat den Artikel “Fledermäuse ausrotten” später in “Wildtiermärkte endlich abschaffen?” geändert.
Redaktionsnetzwerk Deutschland: Nichts gelernt aus Corona-Krise? Lebendtier-Märkte in Asien weiter geöffnet
Spektrum: Fledermäuse – nächtliche Helfer
Spiegel: Als China gegen Vögel in den Krieg zog – Mit Kanonen auf Spatzen
Bildblog: „Sollten wir Fledermäuse ausrotten?“ Nein.
Tweet von Scott Galloway vom 10. April 2020

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