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Gender, Geschlecht und Nachhaltigkeit.

Im letzten Post haben wir euch, aber auch uns selbst gefragt: Ist Nachhaltigkeit weiblich?
Danke für die vielen konstruktiven Beiträge. Auch ich habe mir sehr viele Gedanken gemacht und versucht Gründe dafür zu finden, warum das Thema, das eigentlich jeden betrifft, anscheinend bei Frauen eine größere Rolle spielt. Bei der Recherche bin ich allerdings auf einige Schwierigkeiten gestoßen.


Die Recherche war für mich etwas zwiegespalten, weil durch einige Theorien meiner Ansicht nach patriarchalische Narrative und veraltete Rollenklischees wiedergegeben werden. Ich möchte deswegen klarstellen, dass ich hier nicht meine eigene Meinung wiedergebe, sondern lediglich einige Theorien zitiere, die versucht haben das Warum? zu beantworten.

Zuerst einmal ein Fakt: Frauen interessieren sich tatsächlich mehr für das Thema. Das zeigen verschiedene Studien und Umfragen, beispielsweise des britischen Markt- und Meinungsforschungsinstitutes Yougov. Das deckt sich mit der Geschlechterverteilung unserer Follower und der aller größeren Kanäle, bei denen wir nachgefragt haben. Bleibt noch das Warum

Die meisten wissenschaftlichen Ansätze, auf die ich gestoßen bin, zielen auf die Persönlichkeit oder eben auf festgefahrene Rollen.

Verantwortung für die häuslichen Konsumentscheidungen?

Die Politikwissenschaftlerin Dagmar Vinz schlüsselt diese klischeebehaftete Verteilung auf. Bei einem Rollenverständnis, bei der die Frau alleine für viele Konsumentscheidungen zuständig sei, ergebe sich eine Verantwortung. Diese Verantwortung für Tätigkeiten wie Kochen, Einkaufen, Putzen und die Wäsche führe zwangsweise zu einer Beschäftigung mit verschiedensten Produkten. Diese Produktentscheidungen erzeugten einen gewissen sozialen Druck, da die Entscheidungen ja auch für weitere Personen getroffen würden, zum Beispiel für die Kinder oder den Partner. Das könnte zur Folge haben, dass öfter zum gesünderen oder schadstoffärmeren Produkt gegriffen wird.

Laut Dagmar Vinz führe diese Rollenverteilung dazu, dass sich Frauen mehr mit dem Thema auseinandersetzen, weil viele Männer erst gar nicht in Entscheidungssituationen hineingeraten würden. Man muss allerdings auch erwähnen, dass die Ausführungen von Dagmar Vinz aus dem Jahr 2005 stammen. In dieser Zeit hat sich hinsichtlich der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau und vor allem auch in der Klimaschutzbewegung einiges getan. Auf meine Anfrage, wie sie 15 Jahre später auf ihre Interpretation blicke, habe ich leider keine Antwort erhalten.

Ist Veganismus “unmännlich”?

Natürlich kann die Diskussion auch von der anderen Seite aufgezogen werden. Warum sind viele Männer so desinteressiert? Ist das Thema Nachhaltigkeit für Männer vielleicht deshalb ein unangenehmes, weil es als “feminin” angesehen wird?

Endet die Debatte letztendlich auch nur wieder in Definitionen von Männlichkeit und Geschlechterrollen? Zum Teil. In einer Studie, die auf Spektrum.de zitert wird, scheint es eine Art psychologische Verbindung zwischen Feminität und Umweltschutz zu geben. Gerade Männer seien daher sehr sensibel, möglichst “männlich” zu sein und “feminine” Dinge zu meiden, sei es das Bestellen eines bunten alkoholischen Getränks oder eben das Interesse an Klimaschutzthemen. Wenn Fleisch als besonders männlich gilt, wird dann eine vegetarische oder vegane Ernährung als verweichlicht oder feminin eingestuft? Zumindest der Anteil der Veganer*innen bei Männern und Frauen lassen darauf schließen, dass sich viele Männer von den Ernährungsweisen nicht angezogen fühlen. 

Sind Frauen mitfühlender?

Auch das Vice Magazin hat sich die Frage gestellt, warum Führungsfiguren der FFF-Bewegung wie Greta Thunberg oder Luisa Neubauer weiblich seien und dadurch natürlich auch viele junge Frauen inspirieren. Zitiert wird eine Studie der Yale-Universität, die zum Schluss kommt, dass hierbei Wertesysteme (wie Mitgefühl), die Wahrnehmung von Risiko und Verwundbarkeit sowie feministische Überzeugung wie Gleichheit, Fairness und soziale Gerechtigkeit eine Rolle spielen. Luisa Neubauer kontert harsch: “Dass Frauen mitfühlender sind und sich deshalb mehr für Umweltschutz interessieren, hört sich für mich wie eine patriarchale Erzählung an. Radikaler Klimaschutz stellt vieles in Frage, von dem vor allem Männer profitieren.”

Gefangen in Rollenklischees und Stigmatisierung?

Und damit beginnt die nächste Grundsatzdiskussion, die mich während der gesamten Recherche begleitet und mich teilweise etwas ratlos zurückgelassen hat. Klimaschutz ist für mich ein gesamtgesellschaftliches Problem, bei dem niemand aus der Pflicht genommen werden darf. Einige Rollenklischees oder stigmatisierte Geschlechterrollen scheinen dabei dennoch stark in den Köpfen verankert zu sein. Starke und sichtbare Frauen an der Front der Klimaschutzbewegung sind dadurch ein zweischneidiges Schwert. Einerseits empowern sie als Idole viele junge Menschen, vor allem junge Frauen, sich in einer patriarchalen Welt aufzulehnen. Trotzdem fühlen sich dadurch vielleicht manche Männer nicht vertreten oder repräsentiert. Die Gefahr besteht, dass sich dadurch ein weiterer Bruch in der Gesellschaft entsteht, der vor allem bei so einem wichtigen Thema sehr gravierend sein kann.

Ein kleines Fazit

Klar ist, dass so eine große Herausforderung nur gemeinsam bewerkstelligt werden kann. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat dafür 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung entworfen. Punkt 5 heißt:

“Gleiche Rechte, gleiche Pflichten, gleiche Chancen und gleiche Macht für Frauen und Männer” ist ein Grundsatz der deutschen Entwicklungspolitik . Die Gleichberechtigung der Geschlechter ist ein elementarer Faktor für nachhaltige Entwicklung weltweit.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ihr seid dran…

Die Recherche war für mich sehr schwierig, weil ich bei der Suche nach Antworten nur auf viele weitere Fragen gestoßen bin. Was sagt ihr zu den dargestellten Theorien und den klischeebehafteten Rollen? Ich bin wirklich sehr gespannt auf eure Meinungen.




QUELLEN:
YouGov-Studie (2018): Frauen leben nachhaltiger als Männer
Yale Programm on Climate Change Communication: Gender Differences in Public Understanding of Climate Change
Dagmar Vinz: Nachhaltigkeit und Gender – Umweltpolitik aus der Perspektive der Geschlechterforschung
Spektrum: Ist öko zu unmännlich?
Vice Magazin: Klimaprotest: Warum engagieren sich vor allem junge Frauen?
Journal of Consumer Research: Is Eco-Friendly Unmanly? The Green-Feminine Stereotype and Its Effect on Sustainable Consumption
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung

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