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Indien: Soziale Folgen der Corona-Ausgangssperre

Am Freitagabend gegen 17 Uhr setzt eine Boeing 787 aus Chennai mit etwa hundert Europäer*innen sanft auf der Frankfurter Landebahn auf. Die Insassen sind Teil der Evakuierungsmaßnahmen des Auswärtigen Amtes für deutsche Staatsbürger*innen, die sich in Indien befanden, als die internationalen Grenzen dichtmachten. Einer dieser Insassen bin ich. Ein Erfahrungsbericht.

In diesem Post würde ich gerne mit euch teilen, wie es sich anfühlt, sich in einem Land zu befinden, in dem die Rechte des Einzelnen ohne zu zögern für ein von oben definiertes „Allgemeinwohl“ geopfert werden. Wie es ist, in Angst vor einer unberechenbaren und willkürlichen Polizei zu leben. Aber vor allem, wie schmerzhaft es sein kann, ein Land hinter sich zu lassen, das in seiner vielleicht größten Krise jemals steckt. Menschen zurückzulassen, die du kennen und schätzen gelernt hast und deren Zukunft ungewiss ist. Und wie es sich anfühlt, wenn du nichts tun kannst, um etwas an deren Lage zu verändern. 

Lange Zeit ist die Lage in Indien vermeintlich entspannt. Während in Deutschland schon über Ausgangssperren diskutiert wird, Italien in einer tiefen Krise steckt und die Börse völlig verrücktspielt, sitzen wir noch Kokosnuss schlürfend bei 38 Grad in Tiruvannamalai auf der Straße und können den Ernst der Situation, die sich global abzeichnet, überhaupt nicht erfassen. Natürlich informieren wir uns über die Lage in Europa. Aber alles erscheint einfach unendlich weit entfernt. In Tamil Nadu, der Region, in der wir uns befinden, findet in den ersten beiden Märzwochen völlig ungestört öffentliches Leben statt. Corona ist hier schlicht und einfach noch keine Realität. 

„Zero Cases Tamil Nadu“, erzählt uns jeden Morgen stolz ein Mann, der seine kunstvoll gemeißelten Steine im Schatten eines großen Mango-Baumes verkauft. Einmal segnet er uns gegen das Virus und nimmt dafür unsere Daumen in seine Hand. 

Doch der verstärkte Kontakt mit unseren Lieben aus Deutschland verändert nach und nach etwas an unserem Empfinden. Immer mehr Flüge werden gecancelt, darunter auch unser Rückflug am 29. März von Chennai nach Frankfurt. Am 17. März beschließen wir, am nächsten Morgen zum Flughafen Chennai zu fahren und von dort aus verfrüht nach Hause zu fliegen. Online Buchungen sind bereits nur noch begrenzt möglich. Am menschenleeren Flughafen schüttelt ein Mann mit Maske hinter dicken Glasscheiben nur den Kopf, als wir „Germany“ sagten. Es gibt keine Verbindungen mehr nach Europa, die für uns in Frage kamen. Der darauffolgende Entschluss ist innerhalb von zehn Minuten gefasst. Wir fühlen uns wohl in Tiruvannamalai, der Stadt, in der wir zuletzt gewesen sind, und haben dort jede Menge sozialen Anschluss. Wir werden wieder dorthin zurückfahren und auf Rückholung des Auswärtigen Amtes warten. Für was genau wir uns in diesem Moment am Flughafen Chennai entscheiden, ist uns noch nicht bewusst. Aber das ist vielleicht ganz gut so. 

Am Sonntag, den 22. März, wird die erste große Maßnahme des Premierministers Narendra Modi durchgesetzt. In ganz Indien soll eine sogenannte „Probe-Ausgangssperre“ von 7 bis 21 Uhr stattfinden.

Zu diesem Zeitpunkt glaubt jeder, den wir kennen, wirklich daran, dass dies lediglich ein „Test“ für die Zukunft ist. Die Ausgangssperre wird von der Bevölkerung sehr ernst genommen. Wir sehen ein Video, das völlig menschenleere Straßen in der Metropole Mumbai zeigt. Auch in Tiruvannamalai herrscht Totenstille, die nur durch gelegentliches Muhen oder den Schrei eines Pfaus unterbrochen wird.

Am Tag nach der „Probe-Sperre“ kann ich auf den Straßen deutlich die Erleichterung der Menschen spüren. Das Leben findet in Indien nicht drinnen, sondern auf der Straße statt. Einen ganzen Tag lang nicht nach draußen zu dürfen, stellt eine viel größere Herausforderung dar als in Deutschland. Oftmals wohnen die Menschen in kleinen Hütten mit nur einem Raum, in dem die gesamte Familie sonst nur zum Schlafen und Essen aufeinandertrifft.  
Von den vielen Menschen, die auch in der Gegend vor dem Ashram in Tiruvannamalai auf der Straße leben, gar nicht zu sprechen. Sie können nicht nur die Ausgangssperre nicht einhalten, sondern bekommen an diesem Tag auch keine Almosen und damit kein Essen.

Die Erleichterung hält nicht lange an. Am Dienstag, den 24. März um 20 Uhr verkündet der Premierminister ohne jegliche Ankündigung das Unvorstellbare: In Indien soll ab dem nächsten Tag ein 21-tägiger „Lockdown“ stattfinden.  1.3 Millarden Menschen – darunter 800 Millionen, die täglich mit weniger als zwei US Dollar pro Tag auskommen müssen – sollen von einem Tag auf den anderen für drei Wochen zuhause bleiben. Ihre Gelegenheitsjobs fallen weg, und damit jede Chance auf Einkünfte. Die Tagesschau nennt es das „größte soziale Experiment der Welt“. Mit der momentan quasi nichtexistenten Hilfe der indischen Regierung für die Armen – trotz großer Versprechungen Modi‘s – fände ich Massenmord passender.  

Noch in der Nacht werden polizeiliche Grenzposten zwischen Städten und Regionen errichtet, durch die keiner mehr durchgelassen werden soll. Selbst der Lieferverkehr ist davon betroffen. Busse und Züge fahren schon seit einigen Tagen nicht mehr.
Die neuen Grenzstellen werden auch uns zum Verhängnis, denn wir haben plötzlich massive Schwierigkeiten, von Tiruvanamalai nach Chennai zum Flughafen zu kommen, von wo aus in einigen Tagen der Evakuierungsflug des Auswärtigen Amtes gehen soll. Die Polizei an den Grenzstellen soll gewaltbereit sein, sodass wir keinen Fahrer nach Chenai finden. Auch innerhalb unseres Viertels wird mit Schlagstöcken gegen „Regelverstoßer“ vorgegangen.

Wie wir es letztlich zum Flughafen schaffen, ist eine lange Geschichte. Was für mich bleibt, sind lebhafte Erinnerungen daran, wie es sich anfühlt, sich seiner eigenen Rechte, die man als deutsche Staatsbürgerin als so selbstverständlich annimmt, überhaupt nicht mehr sicher zu sein. Wie es ist, nicht nur Respekt, sondern Angst vor der Polizei zu haben und nach fremden Regeln spielen zu müssen. Vor allem aber das Gefühl, hautnah eine Regierung zu erleben, die mit überstürzten Gesetzen ohne (momentan) erwähnenswerte soziale Gegenmaßnahmen willentlich den Tod von Millionen Inder*inen in Kauf nimmt. An diese Menschen denke ich, als unser Flugzeug sicher auf deutschem Boden landet. Und in meine Dankbarkeit mischt sich Hilflosigkeit und Wut. 

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