Startseite » Texte » Nachhaltigkeit greifbar machen. Schafft Kunst, was Wissenschaft nicht kann?

Nachhaltigkeit greifbar machen. Schafft Kunst, was Wissenschaft nicht kann?

In einer Zeit, in der die meisten Fakten nur einen Mausklick entfernt sind und wir von jedem Winkel der Welt Informationen empfangen, könnte man eigentlich meinen, dass Klimawandel, Artensterben und Polarkappenschmelzen sowie diverse düstere wissenschaftliche Zukunftsprognosen von uns dazu bringen könnten, unser Verhalten zu ändern. Wir wissen, dass wir das Klima vergiften. Wir wissen, dass wir den Regenwald brauchen. Wir wissen, dass wir zu viel CO2 in die Atmosphäre pumpen.

Aber wie viele Menschen verzichten dann wirklich auf die Flugreise, das Smartphone, oder das Steak? Etliche Studien zeigen, dass mehr Informationen kaum helfen, wirklich etwas an unseren individuellen Verhaltensmustern zu ändern. Können Kunst und Kultur vielleicht dort greifen, wo Technik und Wissenschaft nicht weiterkommen?

In Zeitlupe tropft Wasser aus den Körpern der fragilen Eisfiguren auf den Boden und verwandelt ihre kalten Körper Stück für Stück in neue, kaum wiedererkennbare Formen. Jede Skulptur schmilzt auf ihre eigene Art und Weise, bis schließlich alle den unbarmherzigen Sonnenstrahlen erliegen und sich vollständig in Wasser auflösen. Es ist ein ästhetisches Spektakel, für das man keine Hinweisschilder oder große Reden benötigt. Es wird Teil einer Erfahrung, bei der man als Passant*in den Atem anhält.

Die Eisskulpturen, die alle der gleichen Form entstammen, wurden von der brasilianischen Künstlerin Néle Azevedo kreiert, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Damit eine möglichst breite Masse an Menschen erreicht wird, platziert sie diese in partizipatorischen Aktionen gerne auf Treppen von Kirchen und Parlamenten. „Man kann den Klimawandel kaum poetischer sichtbar machen“, kommentierte zum Beispiel die Kuratorin Adrienne Goehler das Werk gegenüber dem Rat für Nachhaltige Entwicklung.

Warum berührt uns Kunst?

Was ist es an der Kunst, am ästhetischen Wort, Bild und der Installation, das uns mehr berührt als bloße Information? Es ist die in uns erzeugte Emotion, die persönliche Resonanz und die Fähigkeit, Zusammenhänge sichtbar zu machen. Kunst kann schockieren, traurig machen, sie kann aber auch Sehnsüchte erwecken, Visionen und Lösungen aufzeigen.

So konnte eine Gruppe aus Grundlagenforscher*innen im Max-Planck-Institut durch Messungen von Hirnströmen, Hautleitwiderstand, Pupillenbewegungen und Puls nachweisen, dass Poesie und Musik tief in den menschlichen Körper eingreift. Insbesondere traurige Gefühle wirkten dabei intensiver als positive, unterlagen einem „geringeren Verschleiß“ und blieben deswegen „stärker in der Erinnerung verankert“.

Wenn Kunst eine solche Wirkung auf die Menschen ausübt, sollte sie dann nicht in einen Prozess des sozio-ökologischen Wandels miteingebunden werden?  

Kunst und ökologischer Wandel

Tatsächlich ist der Stellenwert von Kultur im Bereich Nachhaltige Entwicklung nicht neu. Schon in der Österreichischen Strategie für nachhaltige Entwicklung 2002 hieß es: „Gelingen kann der notwendige Wandel nur, wenn wir ihn als ein gesellschaftliches Gesamtprojekt begreifen – als eine umfassend kulturverändernde, kreative Aufgabe.“

Auch die Heinrich Böll Stiftung gab im Jahr 2013 die von Adrienne Goehler verfassten „Konzeptgedanken zur Errichtung eines Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit“ heraus, in welchen die Stiftung im Vorwort anmerkte: „Der im Politik- und Wissenschaftsbetrieb zerriebene Begriff Nachhaltigkeit muss mit neuer Kraft versehen werden; das gelingt nur, wenn wir Ästhetik und Nachhaltigkeit wechselseitig miteinander verknüpfen“. 

Und: „Kunst ist nicht mehr nur Mittel oder Medium, sondern selbst Abbild des Suchens nach Wegen in ein postfossiles Zeitalter, in eine neue Ära menschlicher Entwicklung, die auf einer Ästhetik der Nachhaltigkeit basiert.“

Was bedeutet das konkret für die Politik? Adrienne Goehler fordert zum Beispiel, die politischen Silos aufzugeben, in denen dort häufig gedacht wird,  und Kunst, die sich mit Nachhaltigkeit beschäftigt, gezielt zu fördern. Gegenüber dem Rat für Nachhaltige Entwicklung sagte sie: „Ich habe festgestellt, dass die künstlerischen Konzepte, die es zum Erhalt des Planeten gibt, kein politisches Gegenüber haben. Die in der Umweltpolitik sagen: Schöne Idee. Aber das ist Kunst. Das dürfen wir gar nicht fördern. […] Die Bundeskulturstiftung hat mal drei Jahre Nachhaltigkeit gemacht, jetzt machen sie Subsahara. […] Du fällst als Künstlerin, die sich mit ökologischen Fragen auseinandersetzt, durch alle Ritzen. Darum will ich einen Fonds für Ästhetik der Nachhaltigkeit. […]”

In ihren „Konzeptgedanken zur Errichtung eines Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit“ begründet sie ausführlich die Relevanz eines solchen Fonds. Dazu gehöre zum Beispiel, dass mit ästhetischer Nachhaltigkeit besser Zusammenhänge erfasst werden könnten und das Konzept der Nachhaltigkeit mithilfe von Ästhetik ein ganz neues Lernerlebnis bieten könne. Nachhaltigkeit müsse auf einem Fundament der Sinne gebaut sein und müsse zudem Durchlässigkeiten erzeugen.

Ihr seid dran…

Wo stimmt ihr Adrienne Goehler zu? Sollte Nachhaltigkeit und nachhaltiges Lernen mehr von Ästhetik, Kunst und Kultur begleitet werden? Brauchen wir mehr Förderungen dafür? Gibt es ein Kunstwerk zum Thema Klimawandel oder Nachhaltigkeit, das euch besonders in Erinnerung geblieben ist? Wir freuen uns auf eure Kommentare zum Thema.


QUELLEN:
Heinrich Böll Stiftung Bildung + Kultur: Konzeptgedanken zur Errichtung eines Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit von Adrienne Goehler unter Mitarbeit von Jaana Prüss
Rat für Nachhaltige Entwicklung: „Die Kunst ist das Gegengift zum Spezialistentum“
Partizipation & nachhaltige Entwicklung in Europa: Kunst und Nachhaltigkeit.  
Frankfurter Neue Presse. MAX-PLANCK-INSTITUT FÜR EMPIRISCHE ÄSTHETIK. Forscher in Frankfurt messen, wie Kunst im Gehirn wirkt
.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.