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Plant-for-the-Planet: Haben wir Bäume gepflanzt, die es gar nicht gibt?


UPDATE 28.01.2021: Auf unseren Artikel hin hat sich Frithjof Finkbeiner von Plant-for-the-Planet bei uns gemeldet und uns eine Menge Materialen und Berichte zugeschickt, die wir gerade durchgehen und, soweit uns das möglich ist, prüfen. Die Organisation hat mittlerweile eine Unterlassungsklage gegen die Zeit eingereicht. Im Februar erwartet PftP zudem einen ersten Zwischenbericht der von ihnen beauftragten Wirtschaftsprüfungesellschaft PwC, die feststellen soll, ob die von PftP angegebenen 6.332.664 Millionen Bäume zwischen dem 8. März 2015 bis zum 17. Dezember 2020 um den Ort Constitución im mexikanischen Bundesstaat Campeche, auch gepflanzt wurden. Wir werden das Thema weiter begleiten und, sollten die Anschuldigungen in Teilen oder ganz falsch gewesen sein, natürlich darüber berichten. Außerdem werden wir in diesem Fall auch den vorliegenden Artikel löschen, um der Organisation nicht weiter zu schaden.


“Plant-for-the-Planet” ist ein Unternehmen, das laut eigenen Angaben pro gespendetem Euro einen Baum pflanzt. Sie kassieren Spenden des Bundesministeriums für Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ), von Fridays For Future Deutschland und zahlreichen Unternehmen wie Ritter-Sport, Rewe, Bitburger, SAP und eBay. Und außerdem: dem Teil unserer Steady-Abonnent*innen, die sich für ein “Klimapaket-Abo” entschieden haben. Eine Zeit-Recherche lässt nun allerdings erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Unternehmens aufkommen. Eine Transparenzoffensive von uns an euch.

Es gibt zahlreiche Organisationen, die für Spenden überall auf der Welt Bäume pflanzen. Als Einzelperson nun wirklich nachzuvollziehen, ob dies auch durchgeführt wird, ist äußerst schwierig. Dennoch gibt es dafür natürlich Indikatoren: Wie lange besteht das Unternehmen schon? Wer ist das Gesicht dahinter? Wie transparent sind Berichte und Kommunikation? Welche Unternehmen fördern es? Bestätigen “renommierte” Personen, Stiftungen, Organisationen und Ministerien die Glaubwürdigkeit?

“Plant-for-the-Planet” (PftP) hat unserer ausführlichen Recherche, welcher Organisation wir mit einem Teil des Beitrags unserer Mitglieder auf Steady vertrauen, locker standgehalten. 

Warum? 

Der junge Gründer mit der großen Vision

Das Gesicht hinter PftP ist der 23-jährige Felix Finkbeiner, der Plant-for-the-Planet mit neun Jahren als Schülerinitiative gegründet hat. Mit seiner Vision, so viele Bäume wie möglich zu pflanzen, hat der damalige Schüler schon früh internationale Aufmerksamkeit erregt, beispielsweise über die Washington Post, National Geographic und den Guardian. Mit neun Jahren war er im Bayerischen Fernsehen zu sehen, mit zehn sprach er vor dem Europaparlament, mit dreizehn dann vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York.

Die großen, renommierten Förderer

Der großen medialen Aufmerksamkeit um Felix folgten große Summen an Geld aus verschiedenen Lagern. Das Bundesministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) fördert PftP laut Zeit-Recherche in Millionenhöhe und preist PftP als “weltweit größtes Aufforstungsprogramm” und als vertrauenswürdigen “Kompensationspartner”. Die Spenden von Fridays For Future Deutschland gehen an ein Treuhandkonto der Stiftung. Auch zahlreiche Unternehmen, darunter Ritter-Sport, Rewe, Bitburger, SAP und eBay, haben ganze Wälder mit der Organisation pflanzen lassen.

Die von der ZEIT enthüllten Unstimmigkeiten

Eine ausführliche ZEIT-Recherche mit dem Titel “Märchenwald” lässt nun jedoch Zweifel an der Glaubwürdigkeit von PftP aufkommen. Im Folgenden haben wir euch die aus unserer Sicht wichtigsten Punkte zusammengefasst (zur Info: Es geht hier um riesige Flächen in Yucatán, Mexiko, wo die Organisation seit 2015 hauptsächlich pflanzt): 

  1. Während PftP angibt, man pflanze “auf brachliegendem Land” und in “degradierten Waldstücken” und Gründer Felix von “22.500 Hektar zerstörter Regenwaldfläche” in Yucatán spricht, zeigen Satellitenbilder, dass die beiden größten Flächen von zusammen 19.000 Hektar, mit denen PftP wirbt, längst bewaldet waren, als die Stiftung 2013 dort ankam. Das größte der beiden Gebiete, in dem die Aufforstung noch starten soll, liegt in einem geschützten Biosphärenreservat, für das die Organisation laut Direktor des Reservats noch nicht einmal eine Genehmigung zur Aufforstung haben soll – ganz zu schweigen davon, dass dieser laut ZEIT noch nie von der Organisation gehört hat.
  2. Unweit der beiden großen Areale gibt es zwei weitere, kleinere Flächen. Auf diesen sollen seit 2015 über fünf Millionen Bäume gepflanzt worden sein, von denen 94 Prozent nach dem ersten Jahr angewachsen seien – “mehr als vier Mal so viel wie in der Region üblich”. Diese Überlebensrate wurde in den betreffenden Gegenden von mehreren Expert*innen kategorisch ausgeschlossen. Da es sich dort vor allem um bereits bewaldete Flächen oder Buschland handelt, würden Setzlinge dort sehr langsam wachsen – wenn sie überhaupt überleben. Eine hohe Pflanz-Quote lässt sich auf diese Weise zwar leicht erfüllen, aber nicht die Überlebensrate und das damit verbundene Klimaversprechen.
  3. In einem Gebiet, in dem junge Wälder von Privatspender*innen und Unternehmen gepflanzt worden sein sollen, steht laut ZEIT derzeit das Überleben Hunderttausender Bäume infrage. Ein großer Teil dieser Pflanzfläche stehe seit Juni praktisch ununterbrochen unter Wasser. PftP behauptete im Sommer auf ihrer Website, eine Überschwemmung “gemeistert” zu haben – seither fand sich bis zur Veröffentlichung der ZEIT-Recherche kein Hinweis darauf, dass zahlreiche gespendete Bäume seit Monaten überschwemmt sind. Yucatán liegt in einem Hurrikan-Gebiet, der Teil der Pflanzfläche in einer Senke, die früher laut PftP für den Reisanbau genutzt werden sollte. Eine mindestens ungewöhnliche und möglicherweise fahrlässige Ortswahl.
  4. Als Beleg für die eigene Transparenz führte PftP bis vor Kurzem die mexikanische Forstbehörde Conafor an. Auf Nachfrage der ZEIT stellte sich dabei heraus, die Stiftung trage die Zahlen der Bäume selbst zusammen und erhalte dann die entsprechende Urkunde der mexikanischen Behörde.
  5. Auch die in der Vergangenheit auf der Webseite kommunizierte “wissenschaftliche Überwachung” der Pflanzungen durch das Crowther Lab an der ETH Zürich, an welchem Felix Finkbeiner promoviert, stellte sich als irreführend heraus. So sei die Überwachung noch gar nicht etabliert und befinde sich in einem “frühen Stadium der Entwicklung der Methodik und Datenerfassung”, so das Crowther Lab auf Anfrage der ZEIT.

Die Stellungnahme von Felix Finkbeiner

Der Webauftritt von PftP ist mittlerweile voll von Stellungnahmen bzgl. des Zeit-Artikels. In einem Blogbeitrag schreibt Finkbeiner, die Organisation sei immer noch “zutiefst getroffen” von der Berichterstattung, der Artikel zeichne ein “völliges Zerrbild”, stelle Sachverhalte falsch dar und arbeite mit Vermutungen und Unterstellungen.

Beispielsweise soll eine im Auftrag der ZEIT handelnde regionale Journalistin in Mexiko nur dem Koch der Kantine Fragen gestellt haben; ihr Auftraggeber hätte ihr dabei untersagt, die Baumschulen besuchen zu dürfen. Auf die weiteren Dokumente und Quellen der ZEIT, wie Satellitenbilder, Datenbanken, Forstexpert*innen, Datananalyst*innen, Wissenschaftler*innen sowie ehemaligen und aktuellen Mitarbeiter*innen von PftP bezieht er sich dabei nicht.

Des Weiteren schreibt er, die Überlebensquote von 94 Prozent werde angezweifelt, obwohl es wissenschaftlich üblich sei, mit Plots zu arbeiten. Die Quote sei bei einer Hochrechnung aus dem Jahr 2016 ermittelt worden. Dass es sich dabei jedoch um ein völlig anderes Gebiet mit völlig anderen Bedingungen und nur eine vergleichsweise kleine Menge von 4.700 Bäumen gehandelt hatte, verschweigt er.

Bezüglich der Kontrollinstanzen schreibt er in einem weiteren Blogartikel, es würden sich Maßnahmen dazu bereits in der Umsetzung befinden. So wolle PftP die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC als eine Art „Baum-Buchhalter“ beauftragen. Zusätzlich solle ein unabhängiges Experten- und Transparenzgremium geschaffen werden, das unabhängig agiere und dessen eingebundene Personen “nicht aus dem bestehenden Umfeld der Stiftung stammen” sollen. 

Fazit? 

Der Zeit Artikel hat bei uns viele Fragen aufgeworfen, die letztendlich ausreichen, um uns im Rahmen unseres “Steady-Klimapakets” für eine neue Organisation zu entscheiden. Wir sind deshalb derzeit auf der Suche nach einer neuen Organisation, zu der wir euch hoffentlich Ende der Woche schon mehr sagen können. Im nächsten Post nehmen wir aber erstmal in einer grafischen Auseinandersetzung unter die Lupe, ob Aufforstung überhaupt das Allheilmittel im Kampf gegen den Klimawandel ist. 



QUELLEN:
Zeit Online: Der Märchenwald
Plant for the Planet: Webseite
National Geographic: Teenager Is on Track to Plant a Trillion Trees
The Washington Post: The audacious effort to reforest the planet
Süddeutsche Zeitung: Wipfelstürmer
BMZ: Bundesminister Müller sagt Unterstützung für weltweit größtes Aufforstungsprogramm von Plant-for-the-Planet zu
Deutscher Bundestag: Kooperation mit „Plant-for-the-Planet“

Ein Gedanke zu „Plant-for-the-Planet: Haben wir Bäume gepflanzt, die es gar nicht gibt?“

  1. Hallo,

    >>Der Zeit Artikel hat bei uns viele Fragen aufgeworfen, die letztendlich ausreichen, um uns im Rahmen unseres “Steady-Klimapakets” für eine neue Organisation zu entscheiden. Wir sind deshalb derzeit auf der Suche nach einer neuen Organisation, zu der wir euch hoffentlich Ende der Woche schon mehr sagen können.<<

    Das ist sehr schade. Der Zeit-Artikel beinhaltet 17 Falschbehauptungen. Wenn man dazu kurz recherchiert kann man sehr schnell und leicht feststellen, das diese Falschbehauptungen, Unterstellungen, Verdrehungen und Verschwörungstheorien alle falsch und frei erfunden sind.

    Es lohnt gerade jetzt das Projekt Plant-for-the-Planet weiter zu unterstützen und weiter zu sagen um die Klimakrise zu stoppen.

    Freundliche Grüße,
    Peer

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