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Social Entrepreneurship: Von echter Wirkung und “Social-Washing”

Weltretten mit Businessplan: Kann das wirklich funktionieren? Vor einiger Zeit habt ihr uns auf Instagram Fragen zum Thema Social Entrepreneurship gestellt – darunter auch einige kritische. Diese greifen wir heute auf und widmen uns dabei den Themen, was das Ganze wirklich bringt, ob das nicht eher etwas für Wohlhabendere ist und wie man sogenanntes Social-Washing erkennen kann.

“Wie viel bringt das wirklich?” 

Wie groß die soziale, ökologische oder gesellschaftliche Wirkung von sozialökologischem Unternehmer:innentum wirklich ist, hängt natürlich von der Social Enterprise ab – und manchmal in Teilen auch vom Profit, den sie erwirtschaftet und der wiederum in nachhaltige Projekte reinvestiert wird.

Soziale Wirkung ist dabei ein Begriff, der weitaus schwieriger zu greifen ist als eine betriebswirtschaftliche Kennzahl. Man kann sie nicht ohne Weiteres messen. Es gibt jedoch Methoden, um zumindest das Wirkungspoten­zial zu analysieren und stichhaltig zu ermitteln, wie hoch die Wahrschein­lichkeit ist, dass das Sozialunternehmen eine Wirkung erzielt. Eins davon ist die sogenannte Wirkungstreppe nach Phineo. Diese besteht aus einzelnen Etappen, die Sozialunternehmen für sich klar benennen und definieren können:

Wie kann so eine Wirkungstreppe in der Praxis aussehen? Auf der Webseite von PHINEO wird hierfür folgendes Beispiel herangezogen: Ein gemeinnütziger Verein bietet in einem Stadtteil, in dem eine hohe Arbeitslosigkeit herrscht, qualifizierende Schulungen an, um Erwerbslosen wieder zu einer Beschäftigung zu verhelfen. Je mehr Schulungen stattfinden und je mehr Menschen sie damit erreichen, desto höher der “Output” (Stufe 1-3). Der Output sagt jedoch noch nichts über die tatsächliche Wirkung der Maßnahmen aus. Denn eine hohe Teil­nehmerzahl garantiert nicht, dass die Erwerb­slosen für den Arbeits­markt rel­e­vante Ken­nt­nisse und Fähigkeit­en erwer­ben und das Projekt damit zum Wiedereinstieg in den Beruf verhilft. 

Die Wirkung zeigt sich erst darin, wenn sich die Zielgruppe und ihre Lebenslage verändert. Sprich: Die Schulungsteilnehmenden müssten relevante Kompetenzen erwerben und Selbstvertrauen aufbauen. Erst diese Veränderung  (“Out­come”, Stufen 4 – 6) ermöglicht letztendlich den Wiedere­in­tritt in den Beruf. Wenn die Lebenslage immer mehr Erwerbsloser durch die Schulungen zum Positiven verändert wird, bewirkt das schließlich eine Verän­derung auf gesellschaftlich­er Ebene (“Impact”, Stufe 7) in Form eines Rück­gangs der Arbeit­slosigkeit, etwa im Stadtteil.

Um also nochmal zur Frage zurückzukommen: Social Entrepreneurship kann als eine stufenweise Annäherung an einen gesamtgesellschaftlichen Impact gesehen werden. Ab dem Moment, ab dem ein Sozialunternehmen das Bewusstsein der Zielgruppen verändert (Stufe 4), kann man laut PHINEO-Definition sagen, dass es bereits etwas “bringt”. Zumal ab diesem Zeitpunkt immer das Potenzial besteht, eine größere Wirkung zu erzielen. 

Ohne Wirkung bleibt eine Social Enterprise demnach nur, wenn sie im Bereich des Outputs bleibt, ohne etwas bei der Zielgruppe zu verändern. In diesem Fall hätte sie nur noch die Möglichkeit, ihre Profite in andere Projekte zu investieren, die diese Wirkung herbeiführen.

“Ist das nicht etwas für Wohlhabendere?”

Um es kurz zu fassen: Nein. Trotzdem kann ich mir gut vorstellen, wo die Frage herkommt, weil uns aus meiner Sicht – nicht zuletzt durch die oft schlecht bezahlten sozialen Berufe – in Deutschland folgendes Bild vermittelt wird: Wer Gutes tut, muss sich das erstmal “leisten” können oder sich mit einer anderen Tätigkeit crossfinanzieren. 

Und ja: Auch viele Social Enterprises sind abhängig von Spenden, Zuschüssen und ehrenamtlichen Helfer:innen; nicht zuletzt, weil die politischen Rahmenbedingungen für sie oft schwierig sind. Dennoch gibt es auch zahlreiche Beispiele für Social Enterprises, die sich wirtschaftlich selbst tragen.

Sind Deutschlands Social Entrepreneur:innen aus diesen Gründen vielleicht bereits wohlhabend, wenn sie gründen? Der Deutsche Social Entrepreneurship Monitor 2019 zeichnet ein anderes Bild: So haben 60% der DSEM-Social-Entrepreneur Gründer:innen angegeben, während der Gründung haupt- oder nebenberuflich gearbeitet zu haben. “Nur” 20,6% gründeten in Vollzeit. 8,3% haben studiert und nebenberuflich während der Gründung gearbeitet.

“Welche Firmen betreiben dahingehend eher greenwashing?”

Eine wichtige Frage, zu der ich leider keine konkreten Beispiele gefunden habe. Trotzdem sollte klar sein: Auch Social Entrepreneurship birgt natürlich Risiken von sogenanntem “Social-Washing” (ein Begriff, der an greenwashing angelehnt ist, aber den sozialen Aspekt mitumfasst). 

Für Sozialunternehmen besteht eines der Hauptprobleme darin, dass der Begriff selbst unterschiedliche Definitionen und damit das Potenzial hat, dazu missbraucht zu werden, um das eigene Image zu verbessern und den Profit zu steigern. Leider wächst mit der Entwicklung des Sektors auch das Risiko des Social-Washing. 

Um sicherzugehen, dass es sich wirklich um ein sozialökologisches Unternehmen handelt, das die gesellschaftliche Wirkung in den Vordergrund stellt, empfiehlt die neuseeländische Ākina Stiftung, auf folgende Faktoren zu achten: 

  • Steht in der Satzung ein sogenannter “Locked Purpose”, also ein feststehendes Ziel als Existenzbegründung der Unternehmung in einer der ersten Klauseln (und ggf.: stimmt dieser mit einem der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der UN überein oder zahlt darauf ein)? 
  • Gibt es eine zusätzliche Klausel, die verhindert, dass dieser Purpose (z.B. von neuen Shareholdern) verändert werden kann?
  • Gibt es eine Klausel, die klar festlegt, dass ein Großteil oder 100 Prozent des Profits an Projekte/Organisationen geht, die ebenfalls einen gesellschaftlichen Nutzen vorantreiben?
  • Macht die Unternehmung die Aufteilung der Einnahmen und/oder des Gewinns transparent? 
  • Liegt ein sogenannter “Asset Lock” vor, also eine Klausel in der Satzung, die besagt, dass das Vermögen bei Auflösung oder Verkauf des Unternehmens im Einklang mit dem Unternehmenszweck verteilt wird?

(Quelle: Übersetzt aus einem Artikel von Ākina Foundation)

Zusätzlich ist es bei deutschen Sozialunternehmen hilfreich darauf zu achten, ob sie Mitglied bei Ashoka oder dem Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND) sind. In diesem Fall haben sie bereits einen ausführlichen Prüfungsprozess durchlaufen. 

QUELLEN:
Ākina Foundation: 4 ways to save a Social Enterprise from Social-washing
PHINEO.org
Social Entrepreneurship Monitor 2019
des SEND-Netzwerks

Du willst nochmal bei der Definition von Social Entrepreneurship einsteigen? Hier geht es zu unserem ersten Beitrag der Reihe:

Gesellschaftlicher Wandel durch Sozialunternehmen?

Ein Gedanke zu „Social Entrepreneurship: Von echter Wirkung und “Social-Washing”“

  1. Pingback: Gesellschaftlicher Wandel durch Sozialunternehmen? - nachhaltig.kritisch

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