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Vergebung im Klimachaos

Im letzten Post habe ich mich mit dem Ansatz von Jem Bendell beschäftigt. Er fordert, Menschen sollen sich heute schon aktiv auf die Umweltkatastrophe einstellen, die seinen Schätzungen zufolge in den nächsten zehn Jahren eintreten wird – fraglich sei dabei nur, in welchem Ausmaß.

Er rät, in sich zu gehen, sich seiner eigenen Werte bewusst zu werden, seine Lieben und sein Leben in der Gegenwart noch mehr wertzuschätzen und sich gleichzeitig zu fragen, was einem im Leben wirklich wichtig ist.

Bei vielen von euch war Hilflosigkeit zu spüren

Einige eurer Kommentare dazu haben mich sehr bewegt. Bei manchen war Wut oder auch Verzweiflung zu spüren, bei anderen eher Resignation und Akzeptanz. Was bei den meisten durchkam, war ein Gefühl von Machtlosigkeit, das ich auch schon oft bei mir festgestellt habe.

Was bringt es, wenn ich Bio-Strom beziehe, in der Welt aber immer weiter in Kohle investiert wird? Warum trenne ich meinen Müll und anderswo werden jährlich Millionen von Tonnen an Abfällen einfach ins Meer gekippt? Was bringt es, dass ich Secondhand kaufe, aber der Durchschnittsdeutsche 60 neue Kleidungsstücke pro Jahr kauft?

Wenn man einmal in diesem Gedankenkarussell feststeckt, fällt es schwer, wieder auszusteigen. Man fühlt sich der Gesellschaft, der Politik oder dem Staat ausgeliefert. Man fühlt sich machtlos, man differenziert sich von anderen, die es “schlechter” machen, weil sie uns alle mit in die Katastrophe stürzen. So kann Klimaaktivismus schnell bitter, moralisierend und selbstaufopfernd werden.

Doch laut Jem Bendell muss das nicht sein. Er beschreibt in vielen seiner Blogbeiträge, dass Vergebung und Mitgefühl mit die wichtigste Rolle in seinem Konzept spielen. Das bedeutet, in der persönlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem sozialen Zusammenbruch dem anderen zu vergeben, aber auch uns selbst.

Keiner von uns ist perfekt

Denn auf die ein oder andere Weise stecken wir alle mit drin. Vielleicht schaffen es einige nicht, auf Fleisch zu verzichten, andere nicht auf Flugreisen, wieder andere können sich kein Bio leisten. Und selbst der- oder diejenige, die auf jedes Detail achtet und “Nachhaltige Entwicklung” in Bonn studiert, bekommt vielleicht finanzielle Unterstützung von Eltern, die im Finanzwesen oder der Automobilindustrie tätig sind.

Wir alle haben destruktive Tendenzen in uns, manche mehr und manche weniger.

Jem Bendell hinterfragt aber nicht nur die Vorwürfe, die wir uns vor dem Hintergrund einiger bald anstehender Klimakatastrophen gegenseitig machen. Er hinterfragt sogar das Konzept, sich überhaupt von anderen Menschen und seiner Umwelt getrennt zu fühlen.

Seiner Auffassung nach handelt es sich bei dieser Trennung zwischen uns selbst, anderen Personen und der Natur um ein gedankliches Konstrukt, das die Menschheit sich angeeignet hat, um sich besser, sicherer oder in Kontrolle der Situation zu fühlen.

Es sei natürlich identitätsstiftend, sich im Auge einer Katastrophe besser als andere zu fühlen oder auch das Gefühl zu haben, andere seien einem etwas schuldig. Doch es sei auch eine Mikroform von Gewalt, weil man sich durch diesen Gedankenprozess automatisch von anderen trenne.

Wenn man den Gedanken weiterführe, könne sich das in weiterer Gewalt, auch physischer, manifestieren.

Wenn wir alle miteinander verbunden wären, würden wir jedes Mal selbst leiden, wenn wir anderen Vorwürfe machen oder sie für ihr Handeln verurteilen – und so noch mehr Leiden verbreiten. Wenn wir alle mit unserem Lebensraum verbunden wären, würde es uns sehr leichtfallen, nichts mehr zu tun, was diesem Lebensraum schadet – weil wir damit auch sofort uns selbst schaden würden.

Ihr seid dran…

Was haltet ihr von diesem Konzept und wie kann uns der gedankliche Ansatz in unserem Alltag helfen? Wie leicht oder schwer fällt es euch, Menschen nicht zu verurteilen, die die Umwelt überhaupt nicht interessiert?

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