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Warum vergessene Wracks zur Gefahr werden.

Eine unbekannte Gefahr schlummert vor den Küsten der Welt. Zahlreiche Wracks, oftmals
Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg, liegen auf den Meeresböden verstreut und drohen,
Unmengen an Öl zu verlieren. Regierungen und Behörden kehren dem wachsenden Problem den
Rücken zu. Wie kann das sein?

Eine unbekannte Gefahr schlummert vor den Küsten der Welt. Die WDR-Doku „Vergessene Wracks – Schwarze Tränen der Meere“ greift auf beeindruckende Weise auf, wie alte Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg eine Ölkatastrophe verursachen könnten. Denn vor den Küsten der Welt und in den Meeren liegen etwa 6.300 Wracks, die im Zweiten Weltkrieg gesunken sind, entlang der wichtigsten Handelsrouten, vor Häfen und den Orten großer Seeschlachten. Seit mehr als 70 Jahren rosten diese vor sich hin.

Auslaufendes Rohöl verpestet Meere

Die Gefahr dieses Zustands, die von vielen Regierungen verkannt bzw. ignoriert wird, liegt im noch immer darin vorhandenen Rohöl. Ein Auslaufen dieser Wracks würden bisherige Ölkatastrophen wie die des Tankers „Exxon Valdez“ 1989 vor Alaska, welche die Küste mit 37.000 Tonnen auslaufendem Rohöl verseuchte, um ein etwa 400-faches in den Schatten stellen. 

Ein Beispiel für bereits austretendes Schweröl bietet der Hafen von Pearl Harbour in Hawaii. Zwölf Meter unterhalb der Gedenkplattform im Hafen liegt die USS Arizona, eines der Schlachtschiffe, das am 7. Dezember 1941 beim japanischen Überfall auf Pearl Harbor gesunken ist. Seit Jahrzehnten sind dort dunkle Tropfen zu beobachten, die aus der Tiefe emporsteigen und an der Wasseroberfläche bunte Schlieren bilden. Für viele sind es die “schwarzen Tränen” der 1177 Seeleute, die damals gefallen sind. Mehr als eine Million Touristen pilgern jedes Jahr zu dieser Gedenkstätte auf Hawaii. 

In den Tanks der Arizona befinden sich noch mehr als zwei Millionen Liter Treibstoff, täglich verliert das Wrack davon ungefähr einen Liter. Noch sind die Auswirkungen auf die Flora und Fauna sehr begrenzt, doch das Wrack korridiert und könnte bald zerbersten. Wenn das passiert, würde das gesamte Hafengebiet verseucht. So bekannt das Problem, so wenig ist eine Lösung in Sicht: Denn das Schiff ist ein Kriegsgrab, ein wichtiges US-Denkmal und deshalb für viele unantastbar.

Das Problem ist international bekannt

Die USS Arizona ist nur eines von beängstigend vielen Wracks aus dem Zweiten Weltkrieg, die bereits an Öl verlieren. Schon im Jahr 2004 wurde anlässlich der “International Oil Spill Conference” ein Expertenteam beauftragt, das herausfinden sollte, wie viele Schiffswracks sich in den Meeren befinden und wie viel Öl darin noch gebunkert sein könnte. Das Ergebnis war besorgniserregend: 8569 potenziell umweltgefährdende Großschiffwracks (dreiviertel davon aus dem Zweiten Weltkrieg) liegen in den Tiefen der Ozeane. Expert*innen gehen mittlerweile von etwa 15 Millionen Tonnen Treibstoff, Rohöl und Schiffsdiesel aus, die sich in den rostigen Schiffshüllen befinden. 

Wissenschaftler*innen warnen nun davor, dass etliche dieser Wracks genau jetzt in eine kritische Phase eintreten, in der das Öl auslaufen und eine Ölpest verursachen könnte. Denn durch die jahrzehntelange Korrosion im salzigen Meerwasser reichen manchmal kleinste Erschütterungen aus, um die Stahlwände der gesunkenen Schiffe brechen zu lassen. Die Korrosion wird von vielen Faktoren beeinflusst: Wassertiefe, Temperatur, Salzgehalt, Strömung. Bei jedem Wrack verläuft der Prozess individuell, doch aufzuhalten ist er nicht. Die Stahlplatten büßen zwischen 0,5 und zwei Millimeter Stärke pro Jahrzehnt ein.

In der WDR-Doku wird die Expertise und Perspektive von Meeresforscher*innen, Küstenwachen und Bergungsexpert*innen weltweit aufgegriffen, die sich in einem einig sind: Die Frage sei nicht ob, sondern vielmehr wann massive Ölaustritte aus den Überbleibseln des Zweiten Weltkriegs zu einer Ölkatastrophe führen. Vielerorts verseucht das hochgiftige Schweröl bereits den Meeresboden. 

Was kann getan werden?

Noch gäbe es Wege, einen absolut fatalen Ölaustritt zu verhindern. Mithilfe von aufwendigen Verfahren könnten die Wracks ausgepumpt werden. Doch die Ölbergungsaktionen sind teuer. Je nach Schwierigkeitsgrad und Größe des Schiffs schwanken die Kosten und können astronomische Höhen erreichen. Ganze 1,5 Milliarden Euro verschlang beispielsweise das Auspumpen und Abschleppen des havarierten Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia.

2017 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung einen Artikel, in dem die Biologin Dagmar Schmidt Etkin zu Wort kommt. Sie war zwölf Jahre zuvor an einer Studie über die im Meer liegenden Wracks beteiligt gewesen. Die Reaktion der Behörden, denen die beunruhigenden Zahlen 2004 auf der “International Oil Spill Conference” präsentiert worden waren, sei eine Mischung aus Ungläubigkeit und Fatalismus gewesen: Das Problem sei einfach zu groß, war die weitverbreitete Meinung. Das Thema wird deshalb in den USA, aber auch in anderen Ländern totgeschwiegen.” Und: “Man kümmert sich erst darum, wenn etwas passiert. Also, falls ein Wrack auseinanderbricht und falls ein Ölteppich auftritt, erst dann wird etwas unternommen.” 



QUELLEN:
WDR-Dokumentation: Vergessene Wracks – Schwarze Tränen der Meere
Süddeutsche Zeitung: Ein Meer der schwarzen Tränen
Deutschlandfunk: Zeitbomben am Meeresgrund
W wie Wissen: Schweröl in Schiffswracks

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