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Wie die Zuckerlobby Verbraucher*innen täuscht.

“Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass einzelne Nährstoffe wie z. B. Zucker für die Entstehung von Übergewicht und nichtübertragbaren Krankheiten wie Diabetes mellitus Typ 2 verantwortlich sind” – dieser Satz ist auf der Internetseite der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker (WVZ) zu lesen. Zahlreiche unabhängige Studien widerlegen diese Aussage. Doch die Zuckerlobby finanziert eigene Studien, deren Ergebnisse oft zugunsten des Zuckers ausfallen. 

Ein zu hoher Zuckerkonsum verursacht Krankheiten – allen voran Übergewicht bis hin zu Fettleibigkeit (Adipositas). Fast die Hälfte der Frauen, sechs von zehn Männern und jedes siebte Kind in Deutschland sind übergewichtig. Mögliche Folgen der vielen Kilos: Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte und gesteigertes Risiko für Diabetes- und Herz Kreislauf-Erkrankungen.

Dennoch kann in Deutschland ohne einen Hinweis auf die gesundheitlichen Risiken für zuckerhaltige Produkte geworben werden – und auch wenn die europäische Zuckerindustrie seit 2017 nicht mehr subventioniert wird, so werden doch auch keine Steuern auf besonders zuckerhaltige Produkte erhoben. In Großbritannien hat eine Limonadensteuer laut Food Watch mittlerweile zu einer Zuckerreduktion von 35 Prozent in Getränken geführt – in Deutschland enthält eine Fanta jetzt doppelt so viel Zucker als in Großbritannien.

Die Bundesernährungsministerin Julia Klöckner hat im September 2018 eine freiwillige Selbstverpflichtung der Lebensmittelindustrie angestoßen, mit dem Ziel, Zucker in Lebensmitteln zu reduzieren – von Kritiker*innen wurden diese Maßnahmen jedoch als nicht annähernd ausreichend bemängelt. Der Grund dafür liegt zum einen in der Freiwilligkeit, zum anderen daran, dass die Maßnahmen erst bis 2025 umgesetzt werden sollen. 

Von Täuschungen bis zu dreisten Lügen

Indes kaschiert die Lebensmittelindustrie das wahre Zuckervorkommen weiter in Form von Glukosesirup, Maltodextrin oder anderen Zuckerarten in Lebensmitteln. Der Anteil dieser „versteckten“ Zucker ist in den letzten Jahren laut der Verbraucherzentrale Hamburg weiter gestiegen. 

Zudem überrascht die Zuckerlobby mit teilweise dreisten Falschaussagen oder Täuschungen. So behauptet der Lobbyverband der Zuckerindustrie, die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker (WVZ), auf seiner Internetseite unter anderem, Zucker sei kein Risikofaktor für Diabetes Typ 2 – und es gebe keine wissenschaftliche Evidenz, die belege, dass der Konsum zuckerhaltiger Lebensmittel für die Entstehung von Übergewicht verantwortlich sei.

Selbstfinanzierte Studien kommen zu praktischen Ergebnissen

Abgesehen davon, dass diese Aussagen von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, der Deutschen Gesellschaft für Diabetes, der WHO und zahlreichen weiteren Studien widerlegt werden, deuten sie auf ein weiteres Problem hin: Die in vielen Fällen nachgewiesene gängige Praxis der Zuckerlobby, ihre eigenen Studien zu finanzieren. 

Schon im Jahr 2013 fanden Wissenschaftler*innen heraus, dass die Finanzierung von entsprechenden Studien einen Einfluss auf ihr Ergebnis haben könnten. Demnach stellten unabhängig finanzierte Studien in etwa 80 Prozent der Fälle einen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Zuckergetränken und Gewichtszunahme fest; von der Lebensmittelwirtschaft finanzierte Studien hingegen fanden in etwa 80 Prozent der Fälle keinen Zusammenhang.

Doch der Wissenschaftsbetrug geht noch weiter zurück. Bereits in den 60er Jahren begann der damalige Top-Zuckerlobbyist und Präsident der Sugar Research Foundation John Hickson in den USA, mit eigener Forschung, Informationskampagnen und Gesetzen gegen neue, zuckerkritische Erkenntnisse zu arbeiten. Mithilfe zweier Harvard Wissenschaftler gelang es ihm, die Datenlage zu manipulieren und umzuinterpretieren. 

In den 1980er Jahren fanden diese manipulierten Studien Eingang in internationale Ernährungsrichtlinien. So konzentrierten sich die damaligen Empfehlungen nun verstärkt auf das Fett als Übeltäter: Man solle weniger als zehn Prozent seiner Kalorien aus gesättigten Fettsäuren beziehen und nur Produkte konsumieren, die wenig oder kein Fett enthalten. In den USA füllten sich daraufhin die Regale in den Supermärkten mit Fat-Free- oder Low-Fat-Produkten – diese enthielten in der Regel jedoch enorm viel Zucker. Dies löste eine regelrechte Epidemie der Fettleibigkeit aus, die in den USA, aber auch in Deutschland noch heute anhält.

Was muss sich ändern?

Ein Beginn, diesen Problemen zu begegnen, wäre mehr Transparenz. Die gemeinnützige Organisation LobbyControl fordert bereits seit Jahren, dass Unternehmen und ihre Lobbyorganisationen offenlegen müssen, welche vermeintlich neutralen Vereine und Initiativen sie finanzieren.

Ihr seid dran…

Stimmt ihr zu? Was könnten weitere mögliche Lösungsansätze sein? Wie steht ihr zu einer Art Zuckersteuer, mehr Kennzeichnungspflichten für die Lebensmittelindustrie oder generell stärkere politische Regulationen?




QUELLEN:
Foodwatch: Britische Limo-Steuer wirkt: Zuckergehalt in Getränken sinkt um 35 Prozent
World Health Organisation:
Foodwatch: Die Zucker-Lobby macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt
Foodwatch: Die Märchen der Zuckerlobby
Verbraucherzentrale Hamburg: Wie die Zuckerlobby forscht und argumentiert
Financial Conflicts of Interest and Reporting Bias Regarding the Association between Sugar-Sweetened Beverages and Weight Gain: A Systematic Review of Systematic Reviews (von Maira Bes-Rastrollo, Matthias B. Schulze, Miguel Ruiz-Canela, Miguel A. Martinez-Gonzalez, 2013, Plos medicine)
Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.: Macht Zucker zuckerkrank?
Das Erste: Wissenschaftsbetrug: Wie die Zuckerlobby die Welt täuschte
World Health Organisation: Taxes on sugary drinks: Why do it?
WVZ Internetseite: Fragen und Antworten zu Zucker
WVZ “Zucker macht nicht krank”: Faktencheck: Viele meinen, die Wahrheit über Zucker zu kennen

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