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Wie Rechte versuchen, den Naturschutz für sich zu vereinnahmen

Treffen sich zwei Nazis. Sagt der eine: “Lass uns mal zu McDonalds gehen.” Sagt der andere: “Ich verabscheue Tierleid und lebe seit 3 Jahren vegan.“ In diesem Beitrag erfährst du, warum es sich hierbei nicht um einen Witz handelt.

Öko-Klamotten. Vegan. Selbstversorger. Engagement gegen Massentierhaltung, Atomkraft und den Einsatz von genmanipuliertem Saatgut. Und nebenbei eben auch ein kleines bisschen Hass gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen.

„Rechte Ökos“ gibt es nicht nur innerhalb sogenannter völkischer Siedlungen, irgendwo am Rande strukturschwacher Regionen Deutschlands. Man findet sie auch in Naturschutzverbänden, Kirchen, der Freiwilligen Feuerwehr, den sozialen Medien.

Auf YouTube kann man „autonomen Nationalisten“ beim veganen Kochen zusehen. Mit Sturmhauben und T-Shirts, auf denen rechtsextreme Sprüche oder eben auch mal Adolf Hitler zu sehen sind, zeigen sie ihrem Publikum, wie Gemüsesticks mit “Dipp” oder Kartoffelecken mit Bratlingen zubereitet werden. Die industrielle Fleischproduktion halten sie für unmoralisch, weil Tiere hier zur Ware degradiert werden. Auch gegen die Verschwendung von Ressourcen sprechen sie sich aus. Einige ihrer Kochvideos wurden inzwischen über 30.000-mal angesehen.

Auch auf Instagram werden Anliegen von Umweltaktivist*innen des demokratischen Spektrums mit dem Gedankengut des Nationalsozialismus und der Weimarer Republik kombiniert und zum Beispiel mit harmlos klingenden Hashtags wie #heimatliebe unterlegt. Auf diese Weise werden einerseits Kontrollmechanismen von Instagram und Co. gegen verfassungsfeindliche Inhalte umgangen, vor allem aber auch versucht, neue Mitglieder zu rekrutieren und Stück für Stück zu radikalisieren, wie eine gerade veröffentlichte Recherche von @correctiv zeigt.

Haben Rechte den Grünen das Thema Naturschutz „geklaut“?

Auch wenn man den stereotypischen „Öko“ eher mit einer Person linker Weltanschauung verortet, darf man sich hiervon nicht täuschen lassen. Der Naturschutz hat in der Ideologie der Rechten eine lange Tradition. Eng verbunden mit Heimatliebe und Volksschutz, ist der Umweltschutz ein nicht wegzudenkender Bestandteil des rechtsextremen Weltbildes. Nicht nur in den Nationalsozialismus sind Natur und Umwelt integriert worden, schon in der völkischen Bewegung um 1870 finden sich Personen, die sich für eine Kombination aus Tierschutz, Naturschutz, Lebensschutz und Volksschutz einsetzen.

Warum die Natur?

Wie kommt es nun, dass die Natur so einen Reiz auf Vertreter*innen undemokratischer, von Hass getriebener Ideologien auszuüben scheint?

„Der Schutz der Heimat, die Erhaltung der kulturellen Vielfalt in Deutschland und Europa, und auch die Liebe zum Eigenen schließen Natur und somit den Naturschutz aus meiner Sicht automatisch ein. Das Bekenntnis zur Heimat und so auch zur Natur, zur Landschaft, zu den kulturellen Eigenarten, Bräuchen usw. ist aus meiner Sicht zweifelslos ein Merkmal rechter Weltsicht, nicht linker.“ (Philip Stein, 2017)

Philip Stein ist ein rechtsradikaler Verleger und Leiter des rechtsextremen Netzwerkes Ein Prozent, das sich selbst als „Deutschlands größtes patriotisches Bürgernetzwerk“ bezeichnet. In seiner Erklärung wird deutlich, wie eng der Naturschutz gedanklich mit dem „Schutz der Heimat“ verbunden werden kann. Es scheint “rechtsextremen Ökos” um ein Bewahren von “alter” Natur inkl. Vegetation und Tierarten zu gehen; um Umwelt und Kultur, welche es vor Veränderung zu schützen gilt. Zu „Veränderungen der Umwelt“ zählen Migration und Einwanderung. Die „Liebe zum Eigenen“ bedeutet auch „Hass gegen das Andere“.

Was sind die Folgen rechter Vereinnahmung des Umweltschutzes?

Auch deutschen Naturschutzverbänden ist die Gefahr von rechter Einflussnahme bewusst. Das Umweltbundesamt förderte aus diesem Grund zum Beispiel das Projekt „Rechte Landnahme – Umweltschutz von rechts“ des Instituts für Diversity, Natur, Gender und Nachhaltigkeit (diversu e.V.).

Die Gefahr von rechten Akteur*innen im Umweltschutz sieht der diversu e.V. einerseits darin, dass diese mit Umweltschutzthemen Unterstützer*innen gewinnen und vor allem Jugendliche radikalisieren wollen. Andererseits könnten demokratisch gesinnte Menschen auf lokaler Ebene Umweltschutzgruppen fernbleiben, weil sie sich in der Minderzahl sähen bzw. nicht in Kontakt zu rechtsextremen Personen kommen möchten. Die gewachsenen Strukturen der Umweltschutzverbandszene seien damit bedroht.

Was tun?

Lukas Nicolaisen von der Naturfreundejugend Deutschland, der in der Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz arbeitet, setzt vor allem auf Bildung gegen rechts.

Gegenüber Deutschlandfunk Kultur sagte er: „Tatsächlich ist es ja nach wie vor, dass wenn man Natur- und Umweltschutz sagt, die Assoziationskette ist: 68er, Studentenbewegung, Anti-AKW, links-alternativ, und dass dann nicht so sehr das Wort Rechtsextremismus auftaucht. […]  Also, schaut euch die Motive an, guckt, was die Beweggründe sind und guckt, ob auch die Beweggründe die gleichen sind wie eure. Und dann überlegt euch Strategien, wie ihr Leute ausschließen könnt, wenn ihr sie nicht in euren Reihen haben wollt.“

Ihr seid dran…

Würdet ihr ihm hier zustimmen? Seid ihr schon mal mit „rechtsextremen Ökos“ in Berührung gekommen? Wie würdet ihr euch verhalten?




QUELLEN:
bpb: Was die “Neue Rechte” ist – und was nicht. Definition und Erscheinungsformen einer rechtsextremistischen Intellektuellengruppe
Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN): Argumentationsstrategien der Neuen Rechten im Kontext ökologischer Bildung
Umweltbundesamt: Rechte Landnahme – Umweltschutz von rechts
Naturfreunde: Grünes Engagement von Rechts. Wie die Neue Rechte den Umweltschutz als Thema entdeckte – und warum
Heise: Der Anteil der Natur an der Rechtswendung der Gesellschaft
Zeit Online: Politische Ökologie: Fridays for Yesterday
Deutschlandfunk: Rechte im Natur- und Umweltschutz. Nicht jeder Öko ist links und grün
YouTube: Balaclava Küche
CORRECTIV: Recherche #KeinFilterfürrechts

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