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Wir müssen über Geld reden.

Sich als Gesellschaft auf eine Umweltkatastrophe und einen sozialen Zusammenbruch einzustellen, bedeutet nicht, tatenlos dabei zuzusehen. Das ist die Position von Jem Bendell, Professor für Nachhaltigkeitsführung und Autor des Essays „Deep Adaptation“, welcher mit seinen teils als radikal aufgefassten Zukunfts-Prognosen auch in den Mainstream Medien für viel Aufruhr gesorgt hat. Im heutigen Post geht es um einen bestimmten Teil unseres Systems, das Bendells Ansicht nach von Grund auf geändert werden müsste: das Finanzsystem.

Die letzten beiden Posts habe ich über Jem Bendell gesprochen – der Autor, der mit seinem Essay „Deep Adaptation“ für Aufruhr auch in den gängigen Medien gesorgt hat. Seine Position: Wir müssen uns als Gesellschaft auf eine in einem bestimmten Maß sicher eintretende Klimakatastrophe einstellen, die einen sozialen Zusammenbruch beinhaltet. 

Das bedeutet allerdings nicht, dass wir nicht versuchen sollten, die kommende Katastrophe abzuschwächen. Bendells Meinung nach ist das, was die Menschheit braucht, nichts Geringeres als ein kompletter Umbruch unseres Systems. 

Die Schwächen des Systems

Was ist das Problem unseres momentanen Systems? Zum Beispiel, dass es eine Ressourcen-Knappheit fördert, anstatt gegen sie vorzugehen. 

Ein Beispiel aus der Nahrungsmittelindustrie: der Blauflossen-Thunfisch, der in Japan eine Delikatesse darstellt, ist vom Aussterben bedroht. Die logische Konsequenz wäre, weniger zu konsumieren oder mehr davon zu züchten. In der Realität wird nichts dergleichen getan. Denn je seltener der Fisch, desto teurer kann das Stück verkauft werden, und desto privilegierter fühlen sich die wenigen Menschen, die ihn sich leisten können. 

Dieses Beispiel ist keine ökonomische Anomalie, sondern leider ein gängiges Ergebnis eines freien Marktes. Wie kann es sein, dass Brasilien die grüne Lunge der Erde aufbraucht, um seine Schulden zurückzuzahlen? Oder dass die Industrie nicht nur auf Kosten der Umwelt produziert, sondern diese Kosten dann auch noch externalisiert, als würden sie nicht dazugehören? 

„To change the way business does business, we need to change the way money makes money.“

Jem Bendell

Dass vieles, was in der Wirtschaft passiert, vor dem Hintergrund begrenzter Ressourcen und einer fortschreitenden Erderwärmung überhaupt keinen Sinn macht, darüber sind sich wahrscheinlich viele Menschen mittlerweile einig. Doch die Wirtschaft folgt dem Geld, und genau hier liegt laut Jem Bendell auch der wahre Kern des Problems: Im Finanzsystem. 

Die Probleme des Finanzsystems

Was ist so schlimm an unserem Finanzsystem? Häufig genannte Probleme sind Privatisierung, Bestechung, Habgier oder die Macht der Zentral- und Regierungsbanken.

Jem Bendell sieht das Hauptproblem jedoch nicht bei den großen, sondern bei den lokalen Privatbanken. Dadurch, dass diese Unmengen an Darlehen vergäben, welche nun als Schuld existierten und mit Zinsen zurückgezahlt werden müssten, kreierten sie eine Knappheit an Geld. 

Das Märchen vom ewigen Wachstum

Diese Knappheit wiederum fördere ein ständiges, zwanghaftes ökonomisches Wachstum. Die Folgen dieses Wachstums sind bekannt: mehr Produkte, mehr Energieverbrauch, mehr Verschwendung, mehr Konsum, mehr einseitige Arbeit, um die Schulden wieder abzubezahlen.  

Bendell’s Lösungsansätze

Dass das Finanzsystem sich selbst bremsen wird, ist mehr als unwahrscheinlich. Bendell sieht die einzige Möglichkeit für Veränderung in einer strikt durchgreifenden Regierung mit neuen, zukunftsorientierten Richtlinien, die für den Finanzmarkt und die Wirtschaft gelten.

Beispiele dafür wären Anweisungen an die Zentralbanken, keine Anleihen mehr von Unternehmen mit einem großen CO2-Fußabdruck zu kaufen und stattdessen in Unternehmen zu investieren, die sich mit CO2-armen Lösungen für eine durch das Klima veränderte Zukunft beschäftigen. 

Auch die Privatbanken sollten sich laut Bendell zu Netzwerken zusammenschließen und Geld an Unternehmen verleihen, die sich ebenfalls mit solchen Lösungen, auch hinsichtlich veränderter Wetterbedingungen beschäftigen.

Ein weiterer wichtiger Punkt sei eine im Handelsgesetz der WTO eingebundene globale CO2-Steuer, gemeinsam mit Vereinbarungen Umsätze in verschiedene Maßnahmen wie CO2 Schnitte, Anpassung an den Klimawandel sowie Maßnahmen der Entlastung der Folgen vor allem für die Mittellosen zu reinvestieren. 

Wie können wir unsere Regierungen dazu bringen, diese Maßnahmen durchzusetzen? Dafür, sagt Bendell, hätten wir das Recht, zu rebellieren. Der philosophische Konsens über dieses Recht sei folgendermaßen: Eine Rebellion müsse gewaltfreie Methoden verwenden und sich gegen eine Regierung richten, die in großem Maße inkompetent, bösartig oder verräterisch handle.

Diese Punkte treffen Bendells Ansicht nach zu: „In upholding a financial system determined to burn all the fossil fuels while not protecting the people from the catastrophic consequences, governments are surely being grossly incompetent, malignant and treacherous.“



QUELLEN:
Jem Bendell: Essay Deep Adaptation // Blog-Beitrag “The economics of extinction: a reason for rebellion”

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