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Ein Plädoyer für den Baum

Ein Plädoyer für den Baum

An eurem Feedback die letzten Tage konnten wir sehen, dass einige sich ein bisschen genötigt gefühlt haben, für die Bäume in die Presche zu springen. Tatsächlich haben wir die Praxis der CO2-Kompensation durch Zertifikate kritisch beleuchtet und auch Kritik an einer Studie aufgegriffen, die sich bedingungslos für Aufforstung ausgesprochen hat. Hier kam bisher vielleicht zu kurz, dass Wälder eine unfassbar wertvolle Bereicherung auf eigentlich allen Ebenen sind – und mit die wertvollsten „CO2-Speicherer“, die wir auf dieser Erde haben. Heute gibt es also ein Plädoyer für den Baum – dieses absolute Wunder der Natur, das intelligent ist, anderen Tieren eine unverzichtbare Heimat bietet, dessen bloßer Anblick uns Menschen entspannt und das obendrein für uns Sauerstoff herstellt.

Hast du schon einmal einen Baum umarmt? So richtig entspannt und ungestört? Hast du vielleicht sogar etwas dabei gespürt? Du bist nicht allein. Und hast sogar schon einen Teil der Wissenschaft hinter dir. In Japan gibt es eine eigene Forschungsrichtung rund um das Thema Bäume umarmen bzw. das Verbinden mit dem Wald: Die “Shinrin-Yoku” (wörtlich: Waldbaden).

Studien beweisen dabei schon lange: Spaziergänge im Wald sind gut für die menschliche Gesundheit und die Psyche. 20 Minuten im Wald senken die Herzfrequenz, Cortisol-Werte, und den Blutdruck. Wir entspannen uns. Wir kommen zur Ruhe. Patient*innen, die aus ihrem Krankenzimmer heraus Bäume sehen, zeigen sich optimistischer und genesen schneller als andere.

Warum ist das so? 

Vor etwa fünf bis sieben Millionen Jahren haben sich die Vorfahren der heutigen Menschen und Schimpansen getrennt. Mit dem Beginn der industriellen Revolution begann auch die Urbanisierung im großen Stil. Das war vor 200 bis 300 Jahren. Das bedeutet, wir Menschen haben über 99.99 Prozent unseres Daseins in der Natur verbracht – unsere Gehirne, Körper und Gene sind dabei der Natur angepasst. Forschungen zufolge bedeutet deshalb alleine das Leben in einer künstlichen Umgebung Stress für unser Nervensystem. Uns fehlt – wenn auch unterbewusst – also unser natürlicher Lebensraum. Die Natur.

Wenn wir mal beim Menschen bleiben, haben Bäume natürlich auch auf einer reinen „Überlebens-Ebene“ einen riesigen Vorteil für uns. Für ihre Photosynthese nehmen sie Kohlenstoffdioxid aus der Luft auf, und geben nach diesem Prozess den aus den teilnehmenden Wassermolekülen entstehenden Sauerstoff als „Abfallprodukt“ in die Atmosphäre ab.

Die Frage, in welchem Stadium Bäume am „wertvollsten“ für die CO2-Umwandlung sind, ist dabei schwer zu beantworten und in der Forschung umstritten. Grundsätzlich wandeln alle schnellwachsenden Pflanzen sehr viel CO2 in Biomasse um. Ein Argument für die Forstwirtschaft, ältere Bäume zu fällen und zu verarbeiten, und jüngere nachzupflanzen. Doch so einfach ist es nicht. Denn die Bedeutung alter Wälder in Bezug auf die CO2-Fixierung wird laut anderen Wissenschaftler*innen derzeit noch unterschätzt. Das liegt zum Beispiel daran, dass Wälder den Kohlenstoff über lange Zeit im Holz und im Boden speichern. 

Schnell wachsende, ertragreiche Pflanzen werden dagegen auch schnell geerntet. Je nachdem, was dann mit ihnen passiere, können die CO2-Fixierung und die Sauerstofffreisetzung sehr schnell wieder rückgängig gemacht werden. Das ist vor allem dann der Fall, wenn das Holz von vorneherein als Brennholz genutzt oder zu qualitativ schlechten Möbelstücken verarbeitet wird. 

Unverzichtbarer Lebensraum für Tiere

Eine Studie des WWF zusammen mit einer UN-Organisation und einer renommierten britischen Forschungseinrichtung hat zudem auch die Bedeutung der Wälder als Lebensraum für unzählige Vögel, Säugetiere, Amphibien und Reptilien hervorgehoben – und deren Bedeutung für die Wälder, um Kohlenstoff zu speichern. Die Studie untersuchte die Daten von 268 Wirbeltierarten und 455 Populationen, die in Wäldern leben oder von ihnen abhängig sind, zwischen 1970 und 2004. Das erschreckende Ergebnis: Die Tierbestände in Wäldern haben sich seit 1970 weltweit halbiert. Als Hauptgrund für diese Entwicklung kann der „durch den Menschen verursachte Lebensraumverlust“, sprich Abholzung, gelten. Auch in vielen Wäldern, die auf den ersten Blick intakt scheinen, lebten demnach immer weniger oder zum Teil kaum noch Tiere.

Abgesehen davon, dass die Artenvielfalt immer geschützt werden sollte, hat dieser weltweite Rückgang für den Menschen auch direkte schwerwiegende Folgen: Erstens helfen Tiere den Wäldern dabei, Kohlenstoff zu speichern und damit den menschengemachten Klimawandel abzuschwächen. Zweitens haben unzählige Tiere, beispielsweise Insekten, eine unglaublich wichtige Funktion im Ökosystem, ohne die wir schwer bis gar nicht auskommen können.

Bäume sind hochkomplexe Organismen

Fest steht, dass Bäume Lebewesen sind, die auf ihre Umwelt reagieren und sowohl innerhalb ihres Organismus als auch miteinander kommunizieren können. 

So können sie sich über ihr Wurzelgeflecht gegenseitig zum Beispiel vor Schädlingen warnen. Sie nehmen über ihre Blätter und Wurzelspitzen ständig Informationen aus der Umwelt auf, verarbeiten sie und handeln dementsprechend.

Der Förster und Autor Peter Wohlleben geht deshalb so weit, zu sagen, dass Bäume eine Art Intelligenz besitzen und schmecken, riechen, fühlen, hören und sehen können – selbst wenn sie keine Sinnesorgane und kein Gehirn besitzen. 

Verschiedene Wissenschaftler*innen, darunter der italienische Pflanzenneurologe Stefano Mancuso von der Universität Florenz, fordern aus diesen Gründen, die Stufe zu überdenken, die Pflanzen momentan in unserer Wertehierarchie einnehmen. „Ein ganzes Reich, das Pflanzenreich, wird völlig unterschätzt, obwohl unser Überleben und unsere Zukunft auf der Erde genau davon abhängen.“ (Mancuso, Intelligenz der Pflanzen, S. 30)

QUELLEN:
WWF Studie: „Below The Canopy“
co2online: Prof. Dr. Jürgen Kesselmeier (Max-Planck-Institut für Chemie) zur Frage: „Welche Pflanzen wandeln besonders viel CO2 in Sauerstoff um?“
Naturwald Akademie: Worüber Bäume reden
Yuko Tsunetsugu 1, Bum-Jin Park, Yoshifumi Miyazaki: Trends in research related to “Shinrin-yoku” (taking in the forest atmosphere or forest bathing) in Japan
Stefano Mancuso: Intelligenz der Pflanzen
Peter Wohlleben: Das wahre Leben der Bäume

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