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Wie viel Regenwald ist eine Nase Koks?

Für die Herstellung von Kokain werden Menschen getötet, Regenwald zerstört und Flüsse vergiftet. Lässt sich die Nase Koks im Club mit einem nachhaltigen Lebensstil vereinbaren?

Wir möchten uns bei dieser Recherche auf den Umweltaspekt konzentrieren. Trotzdem wollen wir bei so einem konfliktreichen Thema die gesundheitlichen Gefahren nicht vergessen. Wie bei jedem Post in dieser Reihe möchten wir deshalb an den Drogennotdienst verweisen: Hier gibt es rund um die Uhr Beratung und Aufklärung für Suchtgefährdete, sowie Angehörige: 030/19237.

Herstellung (Ressourcen, Umweltzerstörung, CO2, Chemikalien)

Um ein Produkt ökologisch einzuordnen, ist die Begutachtung der Herstellungsprozesse ein Muss. Kokain wird aus der Kokapflanze gewonnen und Südamerika, vorrangig Kolumbien, produziert.

Für den Drogenanbau werden jährlich viele Hektar Wald gerodet. Alleine im Amazonasgebiet von Kolumbien finden sich auf 50.000 Hektar Koka-Plantagen. Knapp die Hälfte in Gebieten, die unter Naturschutz stehen. Im Jahr 2018 wurden weltweit auf 244.200 ha Koka-Pflanzen kultiviert.) Das entspricht etwa der 6-fachen Fläche von Köln.  

Für  die Anbauregionen ist der Anbau ökologisch gesehen eine Katastrophe. Bei der Produktion wird mit einer Menge Chemikalien gearbeitet. Da Regulierungen schlichtweg nicht existieren, landen die Abfälle der Kokaingewinnung meist in der Natur.

Laut US-Drogenbehörde DEA sind das “pro Kilogramm drei Liter konzentrierte Schwefelsäure, bis zu 80 Liter Kerosin und einen Liter Ammoniak”.  Laut einem UN-Bericht gelangen so jährlich Millionen von Tonnen an giftigem Müll in die Umwelt, was die Flora und Fauna ganzer Regionen zerstört.

Neben der umweltschädlichen Herstellung sind leider auch die Gegenmaßnahmen nicht sehr umweltfreundlich. Um den Anbau einzudämmen, versuchten sowohl kolumbianische als auch amerikanische Flugzeuge, die Koka-Plantagen mit Pestiziden zu beschädigen. Allerdings ist dieses Vorgehen stark in die Kritik geraten und wurde zeitweise auch gestoppt.

“Wir wissen also, dass die Vernichtung von Anbauflächen nicht nur keinen Effekt hat (…), sondern dass es wirklich kontraproduktiv ist”, so Elizabeth Tellman, Geografin an der Columbia University in New York gegenüber der Deutschen Welle. Das liege vor allem daran, dass als Reaktion auf die Zerstörung neue Gebiete für die Pflanzen erschlossen werden und so der Flächenverlust steigt.

Eine umweltfreundlichere Variante?

Ähnlich wie beim Anbau von Cannabis setzt die UN vor Ort finanzielle Anreize, um das Umschwenken auf andere Produkte (bspw. Kaffee) attraktiver zu machen und so auch kriminelle Kartelle zu schwächen. 

Transport

Neben den immensen Umweltfolgen des Anbaus und der Herstellung spielt auch der Transport eine große Rolle in der CO2-Bilanz von Kokain. Um von Südamerika nach Europa zu gelangen, muss der Stoff über einige Grenzen geschmuggelt werden und legt dabei nicht selten einen großen Anteil im Flugzeug zurück.

Über Kokain schreiben, ohne dabei auch auf die sozialen Auswirkungen in den Anbauländern aufmerksam zu machen, geht nicht. Jährlich sterben Abertausende durch Gewalt durch Kartelle, Machtkämpfe und Gewaltverbrechen. Im Gegensatz dazu stehen hunderttausende finanzierte Lebensunterhalte, die mit dem Anbau oder der Weiterverbreitung der Droge zusammenhängen. 

Was wäre wenn Kokain legal wäre? 

Zumindest auf den Umweltaspekt könnte eine Legalisierung einen positiven Einfluss haben. Strengere Kontrollen vor Ort, fachgerechte Entsorgung der Abfälle und Anbauflächen, die die Biodiversität nicht beeinträchtigen, wären so möglich. 

Ob auch das Amazonasgebiet entlastet werden würde, ist schwer zu prognostizieren. Schon jetzt gibt es viele legale Produkte, die mit der Zerstörung des Regenwaldes in Verbindung gebracht werden. Im Vergleich zu den Weideflächen machen die Koka-Plantagen nur einen Bruchteil aus.

Auch sozial könnte eine Entkriminalisierung Auswirkungen haben. Unter anderem sind vor allem die Landwirt*innen Gewalt ausgesetzt und verdienen laut einem UN-Bericht nur 1.1 Prozent des Bruttoerlöses. Eine Legalisierung könnte die kriminellen Strukturen abschwächen. Gäbe es so etwas wie „Fairtrade-“ oder „Bio-Koks“, dann könnten gesetzliche Standards eine faire Bezahlung und Arbeitsbedingungen stärken.

Die Diskussion um eine Legalisierung von Kokain wird natürlich um einiges kontroverser geführt als beispielsweise bei Cannabis. Denn eine Legalisierung würde das (falsche) Signal senden, dass der Konsum von Kokain harmlos und ungefährlich sei. 

Nun aber zur Anfangsfrage. Wie viel Regenwald wird denn nun durch eine Nase Koks vernichtet? Der damalige Vizepräsident Kolumbiens Francisco Santos Calderón rechnete bereits im Jahr 2008 vor, dass der Konsum von einem Gramm Kokain vier Quadratmeter Regenwald zerstöre.

Und in CO2? In meiner Recherche bin ich auf eine interessante Modellrechnung gestoßen, in welcher der Blog “Do the green thing” den CO2-Ausstoß von einem Gramm Koks zu errechnen versucht. Dabei wurden unter anderem die Waldzerstörung, der Anbau + Herstellung, sowie der Transport nach London als Parameter gesetzt. Das Ergebnis: 1 Gramm Kokain verursacht demnach 107 Kilogramm CO2.
(Die Zahlen sind aber nur eine Modellrechnung, die mit vielen Schätzwerten arbeitet)

Hier noch meine Meinung. Bei meiner Recherche bin ich auf sehr viele Meinungsartikel gestoßen, in dem Menschen, die nachhaltig leben und gleichzeitig Koks konsumieren, als bigott bezeichnet werden. Ich weiß, dass die Diskussion um den “perfekten” Lebensstil auch oft in unserer Filterblase geführt wird. Trotzdem glaube ich, dass man bei jedem Lebensbereich spezifizieren muss und getrennt voneinander betrachten sollte. Wenn Menschen freiwillig verzichten, um die Umwelt zu entlasten, ist das bemerkenswert und sollte nicht immer gegen andere “Fehler” oder Verhaltensweisen aufgewogen werden. Umgekehrt sollte man die Augen vor Missständen, Umweltzerstörung und sozialer Ungerechtigkeit, die viele Produkte begünstigen, nicht verschließen.

Wie seht ihr das? Lässt sich ein nachhaltiger Lebensstil mit der sozialen und ökologischen Ausbeutung des Kokainkonsums vereinbaren?



QUELLEN:
UNODC: Estimating illicit financial flows resulting from drug trafficking and other transnational organized crimes
UNODC + Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ): Konzept für neue wirtschaftliche Anreize
UNODC: Disposal of Chemicals used in the Illicit Manufacture of Drugs
UNODC: World Drug Report 2020
Deutsche Welle: Wie Drogen die Umwelt zerstören
Quarks: So schlecht ist die Ökobilanz von Drogen
Do the Green Thing: The carbon cost of your cocaine
Global Initiative: Latest trends in Cocaine trafficking to Europe
The Guardian: Cocaine users are destroying the rainforest – at 4 square metres a gram

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