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Klimawandel: Ist es noch okay, Kinder zu bekommen?

Es gibt meiner Meinung nach diese Debatten, die wirklich jeden etwas angehen und denen man sich ab einem gewissen Wohlstand und Intellekt nicht entziehen kann durch fadenscheinige Argumente wie: “Ich hab meine Meinung, und du deine”. Zum Beispiel, wenn es um ein Kilo Rinderhack aus Haltungsform 1 für 2,30 EUR geht. Oder darum, ob man seinen Müll trennen sollte, oder ob es grundsätzlich okay ist, jedes Wochenende von Düsseldorf nach Leipzig zu fliegen. Ich persönlich finde, mit dem Kinderwunsch ist das etwas fundamental Anderes. Ein Birthstrike ist okay, Kinder kriegen ist okay. Ein Kommentar.

“Willst du eigentlich keine Kinder?” “Ach, du stillst gar nicht selbst?” “Vermisst du deine Kinder nicht, wenn du arbeitest?” Frauen müssen im Laufe ihres Lebens unzählige übergriffige Fragen über sich, ihren (fehlenden) Kinderwunsch oder ihre Erziehungsmethoden über sich ergehen lassen. Die meisten dieser Fragen kommen eher aus dem patriarchalen Spektrum und zielen darauf ab, die Frau mitsamt ihren (mindestens) fünf Kindern wieder vor den Herd und hinter eine Stricknadel zu verbannen. 

Doch nun erscheint ein neues Phänomen am Horizont, ein weiterer “gut gemeinter Ratschlag”, der sich langsam seinen Weg in die Mitte der Gesellschaft bahnt und sich zur Abwechslung einmal im Deckmantel des Feminismus kleidet: “Wirklich, du willst Kinder? Wie egoistisch. Das ist umweltpolitisch unverantwortlich.”

Die bekannteste deutsche Vertreterin dieser Weltanschauung ist Verena Brunschweiger, Lehrerin und Autorin des Buches “Kinderfrei statt kinderlos”. Dort wimmelt es nur so von Provokationen: Leute, “die sich nicht gedankenlos fortpflanzen” und die sich mutig der patriarchal verordneten Mutterrolle entgegenstellten, sollten “prämiert” werden. Wer “trächtig” werde, tappe “in die ewig gleiche Falle”. Kinder seien Klimakiller und deshalb als unerwünscht anzusehen. Jene, die dennoch Eltern würden, täten es aus rein egoistischen Gründen.

Das Gefährliche daran: Sie vermischt hier feministische Grundsätze mit einer Prise Klimaschutz und leitet daraus ihr ganz persönliches Manifest ab, das im Endeffekt weder besonders viel mit Feminismus, noch mit Klimaschutz zu tun hat. Es ist ein beklemmendes Weltbild, in welchem den “tapferen Reproduktionsverweiger*innen” das Leben quasi “zur Hölle gemacht” werde, indem sie beispielsweise auf Schwangere am Arbeitsplatz Rücksicht nehmen müssten. 

Nun versteckt sich hinter all diesen großen, lauten und übergriffigen Forderungen ein Fakt, an dem sich schwer rütteln lässt: Weniger Menschen auf dem Planeten bedeuten weniger CO2, ergo eine langsamer fortschreitende Erderwärmung.

Eine schwedische Studie der Autor*innen Seth Wynes und Kimberly Nicholas hat im Jahr 2017 mit der Aussage für Aufruhr gesorgt, dass der Verzicht auf ein Kind mehr als zehnmal so viel CO2-Emissionen einspart wie der Verzicht auf ein Auto. 

Doch eine Recherche von Quarks zeigt, dass diese Zahl mit ziemlich vielen “aber’s” verbunden ist: In den CO2-Fußabdruck eines Kindes zählten in der Studie beispielsweise auch mögliche Kinder- und Kindeskinder über mehrere Generationen in der Zukunft.

Die Möglichkeit, dass künftige Generationen ihren Konsum ändern und klimafreundlicher leben könnten, berücksichtigt die Studie von Wynes und Nicholas ebenfalls nicht. Dabei zeigen die jüngeren Generationen momentan durchaus, dass hier ein Umdenken stattfindet.

In einem Spiegel Online Interview sagte Verena Brunschweiger: “Der Weltklimarat IPCC benennt zwei Hauptfaktoren, die den menschengemachten Klimawandel anheizen: Überkonsum und Überbevölkerung. Klimaaktivisten wie von Fridays For Future oder Extinction Rebellion ignorieren mit ihrem Ansatz 50 Prozent des Problems, sie fokussieren viel zu sehr auf den Überkonsum. Das halte ich für blauäugig und sogar gefährlich.”

Doch blauäugig ist möglicherweise auch, mit seinen Forderungen deutsche Frauen aller sozialen Schichten und mit jeglicher Art von Migrationshintergrund radikal über einen Kamm scheren zu wollen, obwohl es sich hier eindeutig um eine Debatte handelt, die vor allem in elitären und bildungsbürgerlichen Kreisen geführt wird.

Und potenziell gefährlich ist eine Rechnung, die die Verantwortung, zu handeln, so weit nach hinten verschiebt. Laut Michael Bilharz vom Umweltbundesamt (UBA) würde das Klima im Fall eines Fortpflanzungsverzichtes erst eine Generation später profitieren. 

Wenn der Rest von uns bis dahin mit reinem Gewissen weiterleben würde wie bisher, könnte man nur gratulieren: Dann hätten wir es nämlich geschafft, die zukünftige Generation aufzugeben, für die wir doch eigentlich die ganze Zeit kämpfen – und zwar einzig und allein deshalb, weil wir eben gerne Billig-Fleisch essen und über’s Wochenende von Düsseldorf nach Leipzig jetten wollen. Es ist eine Verantwortung, die man nicht so einfach abgeben kann: Wir selbst sind die Klimakiller, und nicht die ungeborenen kommenden Generationen.

Und trotzdem ist da bei vielen irgendwie die Angst. Angst, dass die eigenen Kinder ein schwieriges Leben haben könnten. Dass sie einen globalen Kampf um die letzten Ressourcen erleben werden. Dass wir sie irgendwann in einer Welt zurücklassen, in der Naturkatastrophen an der Tagesordnung sind. 

Die britische Sängerin Blythe Pepina hatte einen ausdrücklichen Kinderwunsch, bevor sie ihn wegen der drohenden Klimakatastrophe aufgab. Sie gründete daraufhin die sogenannte Birthstrike-Bewegung, deren Mitglieder im Unterschied zu Verena Brunschweiger ihre Entscheidung aber nur für sich treffen und niemandem vorschreiben wollen, was sie zu tun und zu lassen haben. 

Und vielleicht ist ja das der kleinste gemeinsame Nenner, den man in dieser Debatte finden kann: Lasst uns einfach gar nicht erst anfangen, uns gegenseitig für unsere Kinderwünsche oder Nicht-Kinderwünsche zu verurteilen. Das Recht auf Familie ist etwas, was in den Vereinten Nationen zum Menschenrecht erklärt wurde. Jeder Mensch sollte hier für sich abwägen dürfen. 

Was meiner Ansicht nach jedoch nicht die Lösung sein kann, ist der großkotzige Verzicht auf Nachwuchs in Kombination mit einer hedonistischen Lebensweise à la: “Nach mir die Sintflut”. 




QUELLEN:
Verena Brunschweiger: Kinderfrei statt Kinderlos: ein Manifest
Quarks: Wie klimaschädlich sind Kinder wirklich?
taz: Abstruse Debatte im Feminismus. Klimakiller Kind
SZ Magazin: Aussterben ist keine Lösung. Oder doch?
Spiegel: Öko-Feministin über den Verzicht aufs Gebären: “Wir Kinderlosen haben den besseren Sex und die besseren Beziehungen”

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