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Warum das bedingungslose Grundeinkommen dem Klima helfen könnte.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein Konzept, das schon seit Jahren heiß in der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft diskutiert wird. Während es von vielen Philosoph*innen und Soziolog*innen als notwendiger nächster Schritt gefordert wird, muss es sich auch immer wieder Kritik stellen: Mit einem Einkommen, das an keine Bedingungen geknüpft sei, würden viele Menschen überhaupt nicht mehr arbeiten wollen – und bereits Arbeitslose verlören außerdem jeglichen Anreiz, sich wieder ein Beschäftigung zu suchen. Die Leistungen des Sozialstaats aufzugeben, müsse zudem als Rückschritt betrachtet werden und würde Ungleichheit sogar fördern.

Ich habe heute den gedanklichen Schritt gewagt und mir ein Deutschland vorgestellt, in dem es ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt. Welche Auswirkungen könnte das auf die Umwelt haben? Wie könnte man auf Grundlage sozialer Gerechtigkeit auch mehr Klimagerechtigkeit erreichen?

Es gibt verschiedene Grundeinkommensmodelle. Ich habe mich in diesem Beitrag auf das Modell konzentriert, welches von dem Verein „Mein Grundeinkommen“ vorgeschlagen wird – einfach, weil es hierzu bereits sehr viele Testdaten gibt.

„Die Idee des Grundeinkommens ist, dass alle Menschen eines Landes von der Geburt bis zum Tod jeden Monat vom Staat so viel Geld erhalten, wie sie zum Leben benötigen. Einfach so, als Grundrecht. Ohne, dass sie dafür etwas tun müssen. Ohne, dass es ihnen gestrichen werden kann. Eben bedingungslos.“

So steht es auf der Seite des Vereins „Mein Grundeinkommen“. Seit 2014 hat das Projekt mithilfe von Spenden 669 Menschen 1000 Euro im Monat schenken und die Auswirkungen des bedingungslosen Grundeinkommens damit „am lebenden Objekt“ testen können.

Die bisher gesammelten Indizien zeigen laut dem Verein nicht nur, dass keiner der Gewinner*innen plötzlich faul geworden sei und die Mehrheit ihre Jobs behalten habe. Sie sprechen auch auf einer Umweltebene eine deutliche Sprache.

„Grundeinkommen fördert auf individueller Ebene ein umweltschonendes Leben. Auf kollektiver Ebene sorgt es dafür, dass Menschen veränderungstoleranter sind und leichter notwendige Einschnitte akzeptieren“, schreibt so zum Beispiel Michael Bohmeyer im Magazin des Vereins.

Doch wie genau kann sich ein bedingungsloses Grundeinkommen positiv auf das Klima auswirken?

Weniger CO2 durch Reduktion der Arbeitsstunden

Der Schlüssel hierfür liegt vor allem in der Verhaltenspsychologie. Konkret: Stress. Nach Angaben der AOK hat sich die Krankheitslast aufgrund von Burn-out-Diagnosen in den letzten zehn Jahren mehr als vervierfacht. Laut einer Umfrage des Ärzteblatts fühlte sich bereits 2018 jede*r zweite Deutsche von Burn-Out bedroht. Diese konstante Stressbelastung und der damit einhergehende sogenannte „Überlebensmodus“ begünstigen nachgewiesenermaßen kurzfristiges Handeln und schlechtere Entscheidungen, wie unter anderem Studien aus Harvard und Princeton belegen.

Mit einem bedingungslosen, zusätzlichen Gehalt würden laut einer Umfrage des Vereins im Jahr 2016 über 82 Prozent der Menschen ihre aktuelle Stundenanzahl reduzieren – was neben dem Stresslevel auch CO2-Ausstöße senken würde. Erfahrungen mit dem Grundeinkommen zeigen auch, dass Menschen sich mit dieser Absicherung im Beruf nicht mehr alles gefallen lassen und sich zunehmend trauen, zu Aufgaben, die ihre Kapazitätsgrenze sprengen, auch mal nein zu sagen.

Bewussterer Konsum und nachhaltigere Ernährung?

Was würde also passieren, wenn unsere Arbeit plötzlich durch weniger Stress geprägt wäre? Wahrscheinlich würden wir längerfristige Entscheidungen treffen und bewusster konsumieren. Dies deckt sich mit einer Befragung, die „Mein Grundeinkommen“ mit 1,6 Millionen auf der Seite registrierten Menschen durchgeführt hat: Eine der häufigsten Antworten darauf, was sie mit dem Geld machen würden, sei „mehr bio und regional einkaufen“ gewesen.

Ein durch das bedingungslose Grundeinkommen selbstbestimmteres Leben könnte außerdem sogenannte Stress- und Kompensationskäufe reduzieren. Auf den Zusammenhang zwischen selbstbestimmtem Leben und Konsumverhalten haben US-Forschende bereits im Jahr 2014 hingewiesen. Auch das deckt sich mit bisherigen Umfragewerten der Grundeinkommen-Gewinner*innen: Bei vielen hätten laut eigenen Angaben die Frustkäufe abgenommen. Eine Studie des Center for European, Governance and Economic Development Research zeigt zudem: Menschen, die nach eigener Einschätzung mehr Kontrolle über ihr Leben haben, verhalten sich viel wahrscheinlicher klimafreundlich — und das vor allem langfristig.

Was, wenn es anders kommt?

Entgegen dieser bisherigen Erfahrungen muss man sich natürlich auch der Tatsache bewusst sein, dass manche Menschen ein höheres Einkommen auch dafür nutzen würden, um mehr zu konsumieren, mehr zu reisen (haha. Wisst ihr noch?), und größere Anschaffungen zu tätigen. 

Eine 2020 veröffentlichte Studie des Umweltbundesamts zeigte deutlich: Wer mehr verdient, konsumiert auch mehr. Im Jahr 2018 gaben Haushalte mit einem monatlichen Nettoeinkommen unter 1.500 Euro durchschnittlich 1.135 Euro für den privaten Konsum aus. Haushalte mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 5.000 Euro oder mehr wendeten im Durchschnitt mehr als viermal so viel auf. 

Wie genau sich nun aber ein bedingungsloses Grundeinkommen – im Unterschied zu einem höheren Gehalt – auf das kollektive Konsumverhalten und die Gesellschaft als Ganzes auswirken würde, ist mit den bisher existierenden Daten noch nicht vorherzusagen. Das bald startende Pilotprojekt von „Mein Grundeinkommen e.V.“, das 120 Menschen drei Jahre lang 1200 Euro geben und dabei auch mit einer Vergleichsgruppe arbeiten wird, kann darüber hoffentlich mehr Aufschluss geben. 

Ihr seid dran…

Fallen euch weitere Aspekte im Bereich Klima- und Umweltschutz ein, auf die sich ein bedingungsloses Grundeinkommen positiv oder negativ auswirken könnte? Wir sind sehr gespannt auf eure Meinungen.




QUELLEN: 
Naomi Mandel, Derek D. Rucker, Jonathan Levav, Adam D. Galinsky (2014): The Compensatory Consumer Behavior Model: How self-discrepancies drive consumer behavior. 
Jeremy R. Gray (1999): A Bias Toward Short-Term Thinking in Threat-Related Negative Emotional States
Center for European, Governance and Economic Development Research: ON THE DETERMINANTS OF PROENVIRONMENTAL BEHAVIOR – A GUIDE FOR FURTHER INVESTIGATIONS
Johannes Haushofer and Ernst Fehr: On the psychology of poverty
Umweltbundesamt (2020): Einkommen, Konsum, Energienutzung, Emissionen privater Haushalte
Mein Grundeinkommen: Das bedingungslose Grundeinkommen
Mein Grundeinkommen: Vom Probieren zum Studieren. Wir starten das erste deutschlandweite Pilotprojekt zum Grundeinkommen
Mein Grundeinkommen: Angstfrei statt hitzefrei
Rainer Radtke (2020) : Statistiken zu Depressionen und Burn-out-Syndrom. Auf: Statista
Götz W. Werner (2018): Einkommen für alle Bedingungsloses Grundeinkommen – die Zeit ist reif
Christoph Butterwegge (2015) auf bpb: Das bedingungslose Grundeinkommen zerstört den Wohlfahrtsstaat

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