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Was wäre wenn es keine Insekten mehr gäbe?

Wespen und Mücken sind auf der Beliebtheitsskala von Tieren nicht gerade weit oben angesiedelt. Wäre das nicht eine traumhafte Welt ohne die ungebetenen Picknick-Gäste und andere nervigen Krabbler? In diesem Beitrag habe ich mir einige Szenarien angeschaut, wie eine Welt ohne Insekten aussehen könnte.

“Es ist absolut dramatisch: Wir haben ein globales Massen-Aussterben, mit einer solchen Geschwindigkeit, wie es seit der Zeit der Dinosaurier nicht mehr passiert ist”, sagt Andreas Segerer von der Zoologischen Staatssammlung München.

Und wirklich: die Bestände vieler Insekten nehmen ständig ab. Vor allem in Europa, so bescheinigen viele Untersuchungen, ist der Verlust am größten. Eine neue Arbeit von Francisco Sánchez-Bayo und Kris Wyckhuys, in der 73 Berichte über den Insekten-Schwund ausgewertet werden, kommt zu dem Schluss, dass weltweit 40 Prozent aller Insektenarten vom Aussterben bedroht sind.

Woran liegt das? 

Der Hauptgrund dafür liege in der sogenannten intensiven Landwirtschaft, die auf maximalen Ertrag pro Fläche bzw. Tier ausgelegt ist. Hier kommen massenhaft Pestizide und Düngemittel zum Einsatz, die den Insekten zusetzen

Ein weiterer Grund sei, dass die Lebensräume für Insekten abnehmen; zum Beispiel durch Verstädterung, aber auch durch Rodungen oder Brände.

Insektensterben in Zahlen

Im Jahr 2017 schlug eine Studie des Entomologischen Vereins Krefeld große mediale Wellen. Die Forscher*innen wiesen in einem Versuch nach, dass die Insekten-Biomasse im 27-jährigen Versuchszeitraum um 75 Prozent abgenommen habe. 

In einer neuen Studie des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig wurde die Krefelder Methode jedoch teilweise kritisiert. Zwar nehme die Zahl der Landinsekten ab, allerdings nicht so drastisch wie beschrieben. Hier waren von “nur” 9 Prozent Rückgang pro Jahrzehnt die Rede. Die Studie hatte auch Insekten-Zunahmen beobachtet, welche vermehrt bei am Wasser lebenden Insektenbeobachtet worden seien.

Doch auch an dieser Studie gab es Kritik. Unter anderem, weil nur die Zahlen der Bestände, nicht aber zwischen unterschiedlichen Arten unterschieden werde, so der Ökologe Christoph Scherber von der Universität Münster. Hinter einer hohen Zahl könne daher auch eine Plage oder eine invasive Art stehen.

Was den drei Studien trotz aller Kritik gemeinsam ist: Sie schaffen ein Bewusstsein dafür, dass das Insektensterben real ist und haben dem Thema auf die politische Agenda verholfen.

Insekten im Öko-System

Laut BUND sind knapp 90 Prozent aller Pflanzen zumindest teilweise für ihre Fortpflanzung auf Insekten angewiesen. Was würde also geschehen, wenn es keine Insekten mehr gäbe?

Die Tagesschau hat das Szenario in ihrem Gedankenexperiment #gutzuwissen durchgespielt. Das Ergebnis war ernüchternd. Vor allem in ihrer Rolle als Bestäuber wurde ihre Wichtigkeit deutlich. Ohne Insekten gäbe es kaum noch Obst und Gemüse, denn Blüten müssten per Hand bestäubt werden. Obst und Gemüse würden daher zu einem absoluten Luxusgut werden und eine ausreichende Ernährung wäre für viele Teile der Weltbevölkerung nicht mehr möglich. Ein Rückgang vieler Pflanzenarten würde auch vielen Tieren die Nahrungsgrundlage entziehen.

Letztendlich würde sich dies also auch auf die Tierfutterbestände auswirken, weswegen auch tierische Produkte absolute Mangelware wären. Andererseits wären natürlich auch Wildtiere betroffen, die sich direkt und indirekt von Insekten ernähren: Es wäre eine Welt ohne Vogelgezwitscher und Froschkonzerte. Auch Tierkadaver und Totholz könnten nicht mehr richtig zersetzt werden.

Eigentlich ist die Frage, was wir ohne Insekten machen würden, sehr leicht zu beantworten: Letztendlich wären wir unter diesen Umständen nicht überlebensfähig und es würden erbitterte Kämpfe um viele Rohstoffe ausbrechen, die wir heute als selbstverständlich erachten.

Was muss geschehen?

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) hat bereits einige Punkte formuliert. Im Vordergrund steht wissenschaftliches Monitoring, um die Hauptursachen des Sterbens genauer zu identifizieren. Auch der BUND fordert dieses Vorgehen. Weiterhin werden strengere Regelungen für den Einsatz von Pestiziden und für den Pflanzenschutz gefordert, sowie die Förderung von Forschungsmitteln oder ökologischer Landwirtschaft.

Was ist bisher passiert?

Diverse Studien, darunter auch die bereits angesprochenen, haben das Problem sichtbar gemacht. In einem Aktionsprogramm, welches im September 2019 beschlossen wurde, stellt die Koalition 9 Kategorien mit insgesamt 46 Maßnahmen auf, die die Landwirtschaft “insektenfreundlicher” machen und generell mehr sichere Lebensräume schaffen soll.

Auch der geplante Glyphosat-Ausstieg bis 2021 und ein Pestizidverbot in Schutzgebieten sind ein Schritt in die Richtung. Der BUND kritisiert aber, die Maßnahmen seienunkonkret, unambitioniert und unzureichend” und das Programm “werde der Aufgabe nicht gerecht.”

Ganz anderer Meinung ist beispielsweise der Präsident des hessischen Bauernverbandes, Karsten Schmal. Er kritisiert, dass das Engagement der Landwirte und Landwirtinnen nicht genug gewürdigt werde und dass die Ursachenforschung vorangetrieben werden müsste. “Natur- und Artenschutz könnten nur mit den Bauern funktionieren und nicht gegen sie”, schreibt er als Reaktion auf das Programm.

Du bist dran…

Wie siehst du das? Gibt es einen akzeptablen Kompromiss zwischen Landwirt*innen und Naturschützer*innen hinsichtlich der Insekten-Thematik? Warst du dir der Folgen des Insektensterbens bewusst?



QUELLEN:
#gutzuwissen tagesschau
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, und nukleare Sicherheit: Aktionsprogramm Insektenschutz
Biological Coversation:Worldwide decline of the entomofauna: A review of its drivers
Science: Meta-analysis reveals declines in terrestrial but increases in freshwater insect abundances
BUND: Insekten: Einfach unersetzlich
NABU: Dramatischen Insektenrückgang umkehren – wichtige Weichenstellungen vornehmen
Heise.de Statistik der Woche: Köcherfliegen besonders vom Insektensterben betroffen // Insekten sterben weltweit
Top agrar online: Aktionsprogramm Insektenschutz: Schmal kommt Ursachenforschung zu kurz

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