Klima

Warum wir aufhören müssen, von gutem Wetter zu sprechen

Gutes Wetter schlechtes Wetter
Gutes Wetter schlechtes Wetter

“Bestes Badewetter heute”, “richtig schön viel Sonnenschein”, “für mich kann’s gar nicht warm genug werden”. Solche fröhlichen Wortwechsel sind noch immer häufig in deutschen Radioshows zu hören – auch in den Öffentlich-Rechtlichen.*

Jetzt könnte man sagen: Der Job von Radiomoderator*innen ist es (auch), gute Laune zu haben. Doch mit der fortschreitenden globalen Erhitzung wird die Bezeichnung “schönes Wetter” für ganz viel Sonnenschein und ganz wenig Regen immer seltsamer.

Die Frage ist doch: Schön für wen?

…für die Landwirtschaft?

Nope. Deutschland verliert immer mehr seines Wassers, was fatal für die sogenannten Nutzpflanzen ist. Es müsste 1,5 Jahre lang durchregnen, um das Wasserdefizit auszugleichen, so der Hydrologe Dietrich Borchardt im ZDF. Der europaweite Dürremonitor zeigt: Nicht nur Deutschland geht das so. Gut 50 Prozent Europas leiden aktuell unter Wassermangel, häufig kommen Wetterextreme hinzu, die den Pflanzen zusätzlich schaden. Bereits jetzt gibt es weltweit Meldungen über niedrigere Ernten.

…für alte oder kranke Menschen?

Die Klimakrise ist auch eine Gesundheitskrise. Laut WHO stellt sie die größte Gesundheitsbedrohung der Menschheit überhaupt dar. Alleine in den Jahren 2018 bis 2020 sind mehr als 19.000 Menschen in Deutschland aufgrund von Hitze gestorben.

Köpfe von zwei älteren Personen

Besonders betroffen sind diejenigen, deren Körper bereits durch fortgeschrittenes Alter oder Krankheiten geschwächt sind. Mit weiter steigenden Temperaturen und zunehmender Luftfeuchtigkeit gefährden die Hitzewellen auch zunehmend junge und gesunde Menschen.

…für Menschen, die im Straßenbausektor, in der Produktion eines Werks, in der Gastronomie arbeiten?

Das “Juhu, 30 Grad und keine Wolke”-Narrativ hat noch ein weiteres Zielgruppen-Problem. Insbesondere für Arbeitnehmer, die nicht den größten Teil ihrer Zeit Büro auf Excel-Tabellen starren, sondern körperliche Arbeit leisten, stellen heiße Temperaturen eine enorme Belastung dar. Bei Asphaltierungsarbeiten klettern die Temperaturen schnell auf bis zu 80 °C. In einem Imbiss direkt vor dem Grill kann es bis zu 90 °C heiß werden. Auch Industriehallen können sich im Sommer gefährlich aufheizen.

…für diejenigen, die in einem klimatisierten Büro oder Zuhause vor dem Ventilator arbeiten und nach der Arbeit die Möglichkeit haben, in einen See oder Pool zu hüpfen?

Ja! Also gesetzt den Fall, dass sie Hitze eben mögen. 🙂

Illustration einer badenden Person im Wasser mit Schwimmring und Eis

Warum, zum Blitz, wird denn dann immer noch von “schönem Wetter” gesprochen?

Der Deutsche Wetterdienst schreibt, das könne an der Freizeitorientierung unserer Gesellschaft liegen. Demnach solle am Wochenende die Sonne scheinen, regnen solle es – wenn überhaupt – nachts. Ein Autor der Süddeutschen vermutet, ein Grund sei, dass wir massenpsychologisch alle auf Sonnenschein programmiert seien. Was immer es ist: Es ist an der Zeit, es zu reflektieren.

Wettermoderatoren zeigen: es geht auch anders

Im September 2022 machte der ZDF-Meteorologe Özden Terli Schlagzeilen, als er bekannt gab, aufgrund der Klimakrise von jetzt an nicht mehr von “schönem Wetter” zu sprechen.

Terli ist nicht der einzige Wettermoderator, der das Wetter in den Kontext der Klimakrise setzt. Sein Kollege aus der ARD Sven Plöger hat dazu 2020 den Spiegel-Bestseller “Zieht euch warm an, es wird noch heißer” veröffentlicht. Auch ARD-Meteorologe Kollege Karsten Schwanke spricht über den Treibhauseffekt und die globale Erhitzung.

Wir haben Özden Terli Anfang des Jahres gefragt, warum es aus seiner Sicht wichtig ist, dass beim Wetterbericht über die Klimakrise gesprochen wird. Er antwortete uns:

“Eigentlich liegt es auf der Hand. Die Extremwetterereignisse werden von Meteorologen vorhergesagt, beschrieben und eingeordnet. Es ist einfach nicht möglich, an dieser Stelle, also im Wetterbericht, den Kontext zur Klimakrise nicht herzustellen. Dann müsste ich etwas weglassen, das wäre unterlassene Berichterstattung.”

Das Wetter ist eines dieser Themen, bei dem die Diskussion schnell sehr emotional wird. Das bekommen auch die zuvor genannten Wettermoderatoren in Form von Diffamierungen im Netz zu spüren.

Der unpolitische, seichte Wetterbericht scheint ein Relikt aus einer Zeit zu sein, in der schnelles Autofahren Freiheit symbolisierte und Atomkraft die beste Idee aller Zeiten war. Jetzt müssen wir in der Gegenwart ankommen.

*darunter das Morgenmagazin im Hörfunk auf WDR 2, wie eine Recherche der Süddeutschen vom März 2023 zeigt.

Quellen

  • WHO: Climate change and health: Key Facts, Zugriff 10.07.2023
  • Winklmayr C, Muthers S, Niemann H, Mücke HG, an der Heiden M: Heat-related mortality in Germany from 1992 to 2021. Dtsch Arztebl Int 2022; 119: 451–7. DOI:
  • Süddeutsche Zeitung: “Radiowetter: Heiter bis nebulös”, 31. März 2023
    10.3238/arztebl.m2022.0202
  • Deutscher Wetterdienst: “Gutes Wetter?”, 08.08.2020
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Tim Weber
10 August 2023 09:51

Danke Euch für diesen Beitrag. Wir alle müssen uns für dieses Thema sensibilisieren.
Aber ich ertappe mich selbst auch dabei, dass ich als Vater oft von der Gestaltung der Familienfreizeit gesteuert werde und alles rund herum nicht berücksichtige. Dabei reicht es einen Blick auf die Baustelle mit dort beim „schönen“ Wetter arbeitenden Menschen…

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